Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Sept. 16.) 149
Einfluß auf den Hof Friedrich Wilhelms IV. und so geht es weiter. Vergleichen
Sie aber doch, wenn wir jetzt eine Stichprobe zwischen der Stimmung
im Lande von 1832 und heute machen können, so hat das Bewußtsein,
im Großherzogtum Posen deutsche Landsleute zu besitzen, bedeutend
zugenommen. Solch ein kindlicher Polenkultus, wie er in meiner Jugendzeit
herrschte, wo man in unsern Singstunden uns polnische Lieder lehrte,
allerdings zugleich mit der Marseillaise, wäre jetzt undenkbar. Der polnische
Edelmann, eines der reaktionärsten Gebilde, die Gott jemals geschaffen
hat, war hier verbunden mit der französischen Revolution, und die Sache
des Liberalismus wurde durch den Mangel an politischem Scharfblick —
ich habe da besonders die Berliner im Auge — mit der Sache der Polen
vermengt. Das saß bei jenen Bürgern doch sehr tief.
Wenn Sie die Gesamtheit Ihrer 48 Millionen deutscher Landsleute
fragen, und wenn Sie dieses Urteil Ihrer Leute vom Gros der deutschen
Armee mit dem vergleichen, was in den Zeiten der Platenschen Polenlieder
in den deutschen Herzen spukte, so können Sie doch die Hoffnung auf weitere
Entwicklung gewinnen. Es ist doch ein langsamer Fortschritt zu verzeichnen,
freilich mit Rückschritten, es ist, wie wenn man einen sandigen
Berg hinaufsteigt, oder in der Lava des Vesuvs. Oft gleitet man wieder
zurück, aber im ganzen kommt man doch vorwärts. Je stärker sich das
Nationalgefühl entwickelt, desto stärker wird ihre Stellung werden in der
Diaspora. Lassen Sie den Mut nicht sinken, wenn auch gleichzeitig Wolken
am Himmel vorhanden sind, namentlich in diesem regnerischen Jahre; die
Wolken werden wieder verschwinden Die Zugehörigkeit von Warthe und
Weichsel ist unerschütterlich. Wir haben Jahrhunderte lang ohne die Reichslande
gelebt, wie aber unsere Existenz sich gestalten sollte, wenn ein neues
Polenreich sich bildete, das hat noch niemand zu denken gewagt. Früher
war es eine passive Macht, jetzt würde es, unterstützt von anderen europäischen
Nationen, eine aktive Macht werden, und solange es nicht Westpreußen,
Danzig und Thorn — ich weiß nicht, was der leicht erregbare
polnische Geist noch sonst erstreben würde — in seinen Besitz gebracht hätte,
würde es stets der Bundesgenosse unsrer Feinde sein.
Deshalb ist es Mangel an politischem Geschick oder politische Unwissenheit,
wenn man sich für die Sicherheit der Ostgrenze auf den polnischen
Adel verlassen wollte, oder wenn man glaubte, den irgendwie oder
irgendwo dafür zu gewinnen, daß er mit dem Säbel in der Faust für
deutschen Besitz eintreten wird, so ist das eine Utopie! Lernen wir aber
von den Polen eins, festes Zusammenhalten unter uns! Die Polen haben
auch Parteien, aber sowie nationale Interessen in Frage stehen, schwinden
alle Parteifragen. Möge es doch bei uns auch so werden, daß wir in solchen
Fragen in erster Linie nicht einer Partei angehören, sondern der Nation,
und mögen wir unter einander noch so uneinig sein, so muß man in
unsern östlichen Grenzländern doch, sobald nationale Fragen herantreten,
die Parteistreitigkeiten nach der alten Berliner Redensart vertagen: „Davon
nach Neune!“. .. Jetzt heißt es fechten und zusammenstehen. Das ist gerade
so wie in kriegerischen Verhältnissen — zu meiner Freude sehe ich ja
viele hier, die dergleichen mitgemacht haben — als ob da im feindlichen
Feuer, ehe man zur Sturmattacke vorgeht, man sich überlegen wollte, ob
man dem benachbarten Fortschrittsmann oder dem Reaktionär Hilfe leistet.
Wir müssen alle Parteiunterschiede vergessen und eine geschlossene
Phalanx bilden, innerhalb deren der fortschrittliche Speer dem Feinde ebenso
entgegengehalten wird, wie der reaktionäre und absolutistische. Wenn wir
uns darüber einigen, und die Gefahren der Zukunft zwingen uns dazu,
dann werden wir auch unsre Frauen und Kinder für dasselbe Ziel ge-