Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zehnter Jahrgang. 1894. (35)

Das  Deuttsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Oktober  27—30.)  171

27.  Oktober.  (Vieheinfuhrverbot.)  Es  wird  ein  Verbot
auf  Einführung  lebenden  amerikanischen  Viehes  wegen  Seuchengefahr
  erlassen.

29.  Oktober.  (Essen.)  Verein  christlicher  Bergarbeiter.

Kaplan  Dr.  Oberdörffer  ermahnt  die  Arbeiter,  die  Sozialdemokraten
  nicht  überflüssigerweise  zu  reizen,  da  sie  möglicherweise  mit  ihnen
einmal  in  materiellen  Fragen  zusammengehen  könnten.  Pfarrer  Weber
erklärt  im  Namen  der  evangelischen  Arbeitervereine  ein  Zusammengehen  mit
den  Sozialisten  für  ausgeschlossen.

29.  Oktober.  Der  „Reichs-Anzeiger“  veröffentlicht  die  Ernennung
  des  Statthalters  von  Elsaß-Lothringen,  Fürsten  Chlodwig
  zu  Hohenlohe-Schillingsfürst  zum  Reichskanzler  und
preußischen  Ministerpräsidenten,  sowie  die  Ernennung  des  Unterstaatssekretärs
  im  Ministerium  für  Elsaß-Lothringen  v.  Köller
zum  Minister  des  Innern.

Hohenlohe  war  unmittelbar  nach  Caprivis  Rücktritt  nach  Berlin
berufen  und  infolge  dessen  allgemein  als  dessen  Nachfolger  angesehen  worden.
Ein  Gerücht,  daß  Finanzmin.  Miquel  Reichskanzler  werden  sollte,  wird
schnell  dementiert.  Hohenlohe,  geb.  1819,  kath.,  war  1866  bis  1870  bayerischer
  Ministerpräsident,  von  1879  bis  1885  Botschafter  in  Paris,  seit  1885
Statthalter.

Oktober.  November.  Die  Presse  über  Hohenlohe  und  Köller.

Den  Fürsten  Hohenlohe  begrüßen  die  meisten  nichtklerikalen  Zeitungen
  sympathisch;  seine  Vergangenheit  bürge  für  eine  nationale  und  im
Innern  maßvolle  Politik.  Insbesondere  sprechen  sie  ihre  Befriedigung  über
die  Vereinigung  des  Reichskanzleramts  und  des  Ministerpräsidiums  aus.
Auch  in  agrarischen  Kreisen  wird  dem  Fürsten  Vertrauen  entgegengebracht.
Die  ultramontanen  Stimmen  lauten  verschieden:  Die  „Augsb.  Postztg."
ist  von  der  Ernennung  eines  Katholiken  zum  Reichskanzler  befriedigt,  fürchtet
aber,  daß  er  einen  schweren  Stand  gegen  gewisse  evangelische  Hetzer  haben
werde.  Die  „Deutsche  Reichsztg.“  bezeichnet  ihn  als  kirchenfeindlich;
seines  liberalen  Parteiregiments  in  Bayern  wegen  könne  man  kein  Vertrauen
zu  ihm  haben.

Herr  v.  Köller  wird  von  den  Freisinnigen  und  Sozialdemokraten
mit  unverhohlenem  Mißtrauen  empfangen,  da  er  als  Reichstagsabgeordneter
zu  den  Führern  der  Hochkonservativen  gezählt  habe;  mittelparteiliche  Blätter
erinnern  dem  gegenüber  daran,  daß  seine  Wirksamkeit  in  Straßburg  keinen
Anlaß  gebe,  von  ihm  eine  einseitige  Vertretung  konservativer  Interessen
zu  befürchten.

30.  Oktober.  Der  Staatssekretär  des  Auswärtigen,  Frhr.
Marschall  v.  Bieberstein  wird  zum  preußischen  Staatsminister
ernannt.

27. Oktober—15.November.  (Preußen.)  Tagung  einer  außerordentlichen
  Generalsynode.  Neue  Agende.  Teilnahme  des  Kaisers.

Die  vornehmste  Aufgabe  der  Generalsynode  ist  die  Abfassung  einer
neuen  Agende,  woran  in  der  Oeffentlichkeit  lebhaftes  Interesse  genommen
wird.  Der  Kaiser  äußert  sich  hierüber  beim  Empfang  des  Synodalvor-