86 Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Februar 27.)
Man hat dann dem Vertrage vorgeworfen, daß er auf 10 Jahre
geschlossen sei, und einer der gestrigen Herren Redner stellte als eine Kompensation
hin — bis jetzt sehe ich darin nur einen subjektiven Wunsch nach
einer Kompensation — daß er auf drei Jahre geschlossen werden möchte.
Ja, was nutzt uns das Wir haben die übrigen Verträge auf einen
Termin bis Anfang des künftigen Jahrhunderts geschlossen; und wenn wir
diesen Vertrag für einen ähnlichen Zeitraum abschließen, so ist das nur
eine Konsequenz und einfache logische Konsequenz der vorangehenden Verträge.
(Aha! rechts.) Wir würden aber die vorhergehenden Verträge nicht
aufheben können, die würden weiter laufen. Und wir haben um so weniger
Grund, für diesen eine kürzere Dauer zu wünschen, als er die Landwirtschaft
nicht schädigt. (Widerspruch rechts.)
Das ist gestern bereits nachgewiesen worden und kann Ihnen noch
so oft nachgewiesen werden, als Sie es nur wünschen, die Thatsache aber
bleibt bestehen.
Gestern wurde die Behauptung aufgestellt, Fürst Bismarck habe nie
Verträge auf 10 Jahre abgeschlossen. Ich habe hier ein Verzeichnis, da
sind 5, 6 Tarifverträge und etwa über 1 Dutzend Meistbegünstigungsverträge,
die auf 10, 9½ Jahre abgeschlossen sind. Heute wurde das schon
eingeschränkt auf die Behauptung, er habe nur die die Landwirtschaft berührenden
Verträge nicht auf so lange abgeschlossen. Ja, meines Wissens
hat er Verträge der Art überhaupt nicht abgeschlossen, konnte das auch nicht
(Sehr richtig! links), weil er bis zum Jahre 1879 in einer Politik sich
befand, bei der davon keine Rede sein konnte, denn damals hatte unsere
Landwirtschaft keine Zölle. Also auch den Einwand, daß die Verträge für
zulange abgeschlossen wären, halte ich für hinfällig.
Wir legen im Gegenteil Wert darauf, nicht allein unsere wirtschaftlichen
Verhältnisse auf zehn Jahre zu regeln, sondern auch der Welt zu
zeigen, daß wir die Absicht haben, soviel an uns liegt, auf zehn Jahre
Frieden zu halten; denn, wenn ich einen Vertrag auf eine längere Zeit
schließe und es kommt ein Krieg dazwischen, so ist der Vertrag ja einfach
annulliert, er existiert nicht mehr; aber Deutschland, das ein starkes Friedensbedürfnis
allen Staaten gegenüber und auch Rußland gegenüber hat, Deutschland,
das — um einen Ausdruck meines Herrn Amtsvorgängers zu gebrauchen
— „gesättigt“ ist, Deutschland kann sehr wohl einen solchen Vertrag
auf einen solchen Vertrag auf zehn Jahre abschließen, und wir haben
uns gefreut, dieselbe Gesinnung bei unseren Kontrahenten zu finden.
Nun, wie steht der Vertrag zu dem zweiten Ziele unserer Politik,
unser Ansehen in der Welt aufrecht zu erhalten? Wir haben den Wunsch,
daß die deutsche Stimme in dem europäischen Konzert gehört werde. Wir
haben das bei den Handelsverträgen durchgesetzt. Ich glaube nicht zu viel
zu sagen, wenn ich ausspreche, daß die deutsche Regierung in allen diesen
Handelsverträgen, in der Konsequenz, in der Aufeinanderfolge dieser Handelsverträge
eine führende Rolle gespielt hat, und ich sollte meinen, Deutschland,
die Nation könne damit zufrieden sein. Denn was wollen wir? Nach
kriegerischem Ruhm trachten wir nicht. Wir wollen den Ruhm haben,
Kulturaufgaben zu lösen, die Kultur Europas zu fördern, das friedliche
Zusammenleben der Völker zu erleichtern, die europäischen Kräfte zusammenzuschließen
und einen Zusammenschluß vorzubereiten für spätere Zeiten.
wenn es einmal nötig werden sollte, im Interesse europäischer wirtschaftlicher
Politik einen größeren Komplex von Staaten gemeinsam zu umfassen.
(Sehr gut! links.) Diesen Zielen sind wir nachgegangen, und ich glaube
nicht, daß Jemand wird behaupten können, wir hätten das Ansehen Deutschlands
dadurch geschädigt. Ich glaube vielmehr, daß wir dazu beigetragen