Full text: Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Elfter Jahrgang. 1895. (36)

Italien. (Juni 11. -19.) 267 
Freundesgruß darzubringen. Es liegt mir am Herzen, Ihnen einen neuen 
Beweis der praktischen Wirksamkeit dieser Vertrautheit in jenen Erdteilen 
anzukündigen, wo Italien und England sich berühren und im Einverständ- 
nisse handelnd die Flagge der Zivilisation hochhalten. Dort, wo die vor- 
geschrittensten Völker um die Ehre wetteifern, das Gebiet ihrer fruchtbringen- 
den Thätigkeit auszudehnen, hat unser Heer, dem Feinde die Stirne bieltend, 
von Kassala bis Adua den Ruhm der italienischen Tapferkeit erneuert; dort 
hat die englische Regierung Italien einen neuen Beweis ihrer Sympathie 
gegeben, indem sie es hinderte, daß aus den unter ihrer Schutzherrschaft 
stehenden Häfen des Golfs von Aden den im Aufstande gegen uns be- 
griffenen Völkerschaften Waffen zugingen. Immerhin wird die Organisation 
der italienischen Besitzungen in Afrika, die wir im Zusammenhange mit der 
Lage und den allgemeinen Interessen des Volkes betrachten, so wie bisher 
auch weiterhin den Gegenstand der unermüdlichen Sorge meiner Regierung 
bilden. Weit entfernt, eine Politik der Abentener zu wollen, streben wir 
in Wirklichkeit darnach, unsern Stellungen dauernde Sicherheit zu verschaffen. 
Insbesondere werden unsere Bemühungen darauf gerichtet sein, allmählich 
die finanzielle Unabhängigkeit der Kolonie vom Mutterlande vorzubereiten 
11. Juni. (Deputiertenkammer.) Präsidentenwahl. 
Der Kandidat der Regierung Villa erhält 268, der der Opposition 
Cantani 156 Stimmen. Auch die Regierungskandidaten für die Posten 
der Vizepräsidenten, Sekretäre und Quästoren werden mit großer Majorität 
5 Ein Bizepräsident und zwei Sekretäre werden der Opposition 
erlassen. 
13.|/14. Juni. (Deputiertenkammer.) Zwist innerhalb 
der Majorität. 
Kammerpräsident Villa beruft in den von ihm zu ernennenden Wahl- 
prüfungs-Ausschuß nur 12 Ministerielle, dagegen 7 Oppositionelle, unter 
letztern gerade die Häupter Rudini, Brin, Zanardelli und Cavallotti. Dies 
erregt große Entrüstung unter den Ministeriellen, doch wird die Krisis, die 
zum Rücktritt des Präsidenten zu führen schien, beigelegt (14. Juni). 
19. Juni. (Deputiertenkammer.) Anmnestieforderung. 
Die äußerste Linke verlangt, die Kammer soll vom König eine all- 
emeine Amnestie fordern. Crispi weist das als einen Eingriff in die 
echte der Krone zurück. Infolge heftiger Zwischenrufe kommt es zu einem 
Handgemenge zwischen Ministeriellen und Radikalen. 
Juni. Schmähschrift Cavallotis gegen Crispi. Verhand- 
lungen in der Kammer darüber. 
Der radikale Abg. Cavallotti veröffentlicht eine 8 Seiten starke 
Schrift voll der schärfsten persönlichen Angriffe gegen Crispi. Er wirft 
ihm Fälschung, Verleumdung, Bestechlichkeit, falsches Zeugnis, Unsittlich- 
keit, Mißhandlung des Parlaments, Simonie u. dgl. vor; Crispi habe nicht 
nur für sich selbst und seine Freunde seinen politischen Einfluß bei den 
Banken mißbraucht, sondern auch von dem verstorbenen Baron Reinach ein 
Trinkgeld von 50 000 Lire angenommen, wogegen er dem berüchtigten 
Cornelius Herz den Mauritius-Orden habe verschaffen sollen. 
Am 23. kommt diese Angelegenheit in der Kammer zur Sprache, wo 
Crispi eine Anfrage, was er zu thun gedenke in dieser Frage, abweist. In 
einer Versammlung der Kammermoajorität erklärt Crispi unter großem 
Beifall, diese Vorwürfe berührten ihn nicht, sie seien nur bestimmt, die 
Beratungen über die Finanzvorlagen zu verhindern (23. Juni).
	        
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