Full text : Regierungsblatt für das Königreich Württemberg vom Jahr 1900. (77)

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Der  alte  Weidenbaum  bewegte  seine  Zweige  im  Winde,  und
es  fielen  große  Wassertropfen  von  den  grünen  Blättern,  als  ob  der
Baum  weine.  Die  Sperlinge  fragten:  „Weshalb  weinst  du?  Hier
ist  es  ja  so  gesegnet!  Sieh,  wie  die  Sonne  scheint;  sieh,  wie  die
Wolken  ziehen!  Atmest  du  nicht  den  Duft  von  Blumen  und
Büschen?  Weshalb  weinst  du,  Weidenbaum?“  Und  der  Weiden—
baum  erzählte  vom  Stolze  des  Buchweizens  und  von  der  Strafe,
die  diesem  immer  folgt.

Ich,  der  ich  die  Geschichte  erzähle,  habe  sie  von  den  Sperlingen
  gehört.  Sie  erzählten  sie  mir  eines  Abends,  als  ich  um  ein
Märchen  bat.

48.  Die  Farben.  Von  Franz  Hoffmann.

Es  war  sehr  heiß  gewesen.  Nachmittags  zogen  schwere  Wolken
herauf  —  ein  heftiges  Gewitter  entlud  sich;  erfrischender  Regen
strömte  herab.  Nachdem  die  Wolken  vorübergezogen  waren,  strahlte
die  Sonne  auf  die  erquichten  Bäume  und  Blumen  und  spiegelte  sich
in  zahllofen  Tropfen,  die  auf  den  Gräsern  und  Blättern  hingen.

Die  Kinder  traten  mit  der  ältesten  Schwester  Maria  in  den
Garten;  sie  freuten  sich  der  erfrischenden  Luft,  der  herrlich  duftenden
Blumen  und  des  Gesanges  der  Dögel.  Dann  setzten  sie  sich  im  Gartenhäuschen
  nieder.  Da  sagte  KFranz  auf  einmal:  „Die  rote  Farbe  ist
mir  von  allen  die  liebste.“

„Weshalb?“  fragte  Maria.  ·

„Das  will  ich  dir  sagen:  Eh'  die  Sonne  aufgeht,  hat  der  himmel
  ein  rotes  Mäntelchen  um,  und  wenn  die  Sonne  untergeht,  ebenso;
  rot  ist  die  Rose,  rot  sind  die  Wangen  der  reifen  Eipfel,  die  süßen
KRirschen  sind  auch  rot;  deshalb  ist  Rot  meine  liebste  Farbe.

Ernst  sagte:  „Meine  liebste  Farbe  ist  Weiß.  Wie  schön  ist  es,  im
Winter  die  weißen  Schneeflochen  wirbeln  zu  sehen,  dann  den  Schlitten
zu  nehmen  und  auf  der  weißen  Släche  dahinzugleiten!  Weiß  sind  die
blühenden  Bäume.  Das  Schneeglöchchen,  von  dem  der  Dater  sagt,  es
läute  den  Frühling  ein,  ist  auch  weiß.  Darum  ist  Weiß  meine  liebste
Farbe.“

„Grün  ist  die  schönste  Farbe“,  sagte  Emil.  „Wie  herrlich  sieht
ein  grünes  Kornfeld  aus!  Grün  ist  der  Wald,  grün  sind  die  Wiesen;
der  Jäger  trägt  einen  grünen  Roch,  und  ein  Jäger  will  ich  werden.
Darum  ist  Grün  meine  liebste  Farbe.“

„HKber  ich  hann  doch  nicht  begreifen,“  sprach  Daul,  „daß  niemand
  von  euch  die  blaue  Farbe  liebt;  das  ist  doch  die  schönfte  von