Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Achtzehnter Jahrgang. 1902. (43)

Das  VBentsche  Reich  und  seine  einzelner  Glieder.  (Mai  7.)  75

missionsberatung,  um  zu  konstatieren,  ob  eine  Schädigung  der  Rübenbauer

vorliege  oder  nicht.  —  Am  folgenden  Tage  wird  die  Vorlage  gegen  die

Stimmen  der  Freisinnigen  und  Sozialdemokraten  an  eine  Kommission

verwiesen.  v  4#.  Brukner,  Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und  Statistik
,  Mai.

7.  Mai.  (Preußisches  Herrenhaus.)  Kultusetat.  Debatte
über  moderne  Theologie,  Christentum  und  freie  Forschung.

Frhr.  v.  Durant:  Durch  die  Lehren  mancher  Professoren  der  Theologie
  ist  die  Religion,  die  nach  dem  Ausspruche  Kaiser  Wilhelms  dem  Volke
erhalten  werden  soll,  aufs  ernsteste  bedroht.  Wir  stehen  in  Glaubenssachen
  vor  einer  Revolution  von  oben.  Wie  liegen  denn  die  Verhältnisse
gegenwärtig  infolge  des  Verhaltens  unserer  sogenannten  modernen  Theologen?
  Ein  unverdorbener,  von  gottesfürchtigen  Eltern  erzogener  Mann
kommt  auf  die  Universität,  um  Theologie  zu  studieren;  er  hört  die  Vorlesungen
  eines  modernen  Theologen  und  anstatt  im  Glauben  befestigt  und
gestärkt  zu  werden,  werden  allerhand  Zweifel  in  ihm  wachgerufen.  Welchen
Einfluß  muß  das  später  auf  die  Gemeinde  ausüben?  Der  ungläubige
Mensch  vermag  der  Anfechtung  nicht  zu  widerstehen;  das  Resultat  davon
sind  die  heute  so  zahlreich  vorkommenden  Selbstmorde.  Sollten  denn  die
theologischen  Faktoren  sich  nicht  Rechenschaft  darüber  ablegen,  welches  Unheil
  dadurch  entsteht,  welche  Verantwortung  sie  damit  übernehmen,  wenn
sie  ihren  Schülern  den  festen  Boden  unter  den  Füßen  rauben?  Ich  weiß,
es  wird  mir  die  Freiheit  der  wissenschaftlichen  Forschung  entgegengehalten.
Ich  bin  weit  davon  entfernt,  die  freie  wissenschaftliche  Forschung  im  allgemeinen
  angreifen  zu  wollen,  aber  ich  bin  der  Meinung,  daß  es  auch  in
der  wissenschaftlichen  Forschung  Unterschiede  gibt.  Bei  allen  anderen
Wissenschaften  handelt  es  sich  um  unaufgeklärte  Fragen,  aber  die  christliche
Religion  beruht  auf  der  Offenbarung.  Der  unumschränkte  Subjektivismus
ist  der  Feind  des  christlichen  Glaubens.  Die  Vertreter  solcher  Lehren,  das
müssen  wir  offen  bekennen,  gehören  nicht  mehr  zum  Christentum,  deshalb
gehören  sie  auch  nicht  mehr  auf  die  Lehrstühle.  Das  Kennzeichen  für  uns
Christen  ist  das  Wort  Luthers:  „Das  Wort  sie  sollen  lassen  stahn!“  und
hierin  ist  im  wesentlichen  der  Glaube  Luthers  gekennzeichnet.  Nichts  aber
ist  schlimmer,  als  in  die  Hörsäle  Hypothesen  zu  tragen,  die  unheilvoll
wirken.  Selbst  diejenigen  Kreise,  die  es  noch  immer  als  ihre  Aufgabe  ansehen,
  die  vorurteilslose  Forschung  aufrecht  zu  erhalten,  schweifen  selber
von  dieser  Theorie  ab,  wenn  sie  ihren  Zwecken  nicht  entspricht.  Zum  Beweise
  führe  ich  nur  an,  was  Professor  Schwalbe  in  der  Deutschen  Medizinischen
  Gesellschaft  gegen  Professor  Schweninger  ausgeführt  hat.  Es
heißt  dort:  „Das  medizinische  Glaubensbekenntnis  schließt  ihn  aus  den
Kreisen  der  medizinischen  Wissenschaft  aus.  Wir  können  es  nicht  länger
verantworten,  daß  solche  Lehren  der  akademischen  Jugend  eingeprägt  werden.
Die  wissenschaftliche  Ausbildung  der  Schüler  wird  durch  sein  Auftreten
verwirrt  werden.“  Wenn  solche  Anschauungen  in  medizinischen  Kreisen
gelten,  wie  viel  mehr  müssen  sie  für  andere  Fakultäten  Platz  greifen?
Weit  gefährlicher  erscheint  mir  in  dieser  Beziehung  der  Einfluß  der  modernen
  Theologie.  Die  Staatsregierung  muß  mit  dahin  wirken,  daß  unsere
jungen  Studenten  von  diesen  Gefahren  befreit  werden.

Minister  Dr.  Studt:  Gegenüber  den  Ausführungen  des  Freiherrn
v.  Durant  will  ich  vom  Standpunkt  der  Unterrichtsverwaltung  mich  auf
wenige  allgemeine  Bemerkungen  beschränken.  Wir  halten  an  dem  Grundsatze
  fest,  daß  den  verschiedenen  Richtungen  in  der  Theologie  Luft  und
Licht  auf  den  Universitäten  nicht  verwehrt  werden  darf.  (Lebhafter  Bei-