Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Neunzehnter Jahrgang. 1903. (44)

170  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  10.)

mern  zu  wählen).  Ferner  wird  in  der  Erhöhung  der  Zahl  der  landesherrlich
  ernannten  Mitglieder  von  8  auf  10  bestimmt,  daß  vier  dieser
Mitglieder  aus  der  Zahl  der  Oberbürgermeister  und  Bürgermeister  der
Gemeinden  von  mehr  als  3000  Einwohnern  oder  der  Vorsitzenden  der  elf
Kreisausschüsse  zu  entnehmen  sind.  —  Die  Erste  Kammer  erhält  das  Recht,
die  einzelnen  Bestimmungen  der  Finanzvorlagen  zu  prüfen,  bei  Meinungsverschiedenheiten
  entscheidet  eine  Abstimmung  beider  Kammern  in  gemeinsamer
  Sitzung  unter  Leitung  des  Präsidenten  der  Zweiten  Kammer.

10.  Dezember.  (Bayern.)  Reichsratskammer.  Graf  Crailsheim
  über  seine  Ministertätigkeit.  Beziehungen  zum  Papst,  zum
Reich,  zu  Preußen.

Beim  Etat  des  kgl.  Hauses  und  des  Auswärtigen  erklärt  der  frühere
Minister  Graf  Crailsheim:  Ich  bin  nun  seit  langer  Zeit  der  Gegenstand
  heftiger  Angriffe,  Angriffe  teils  persönlicher  Natur,  teils  solcher  auf
meine  Politik  und  Verwaltung.  Was  die  Angriffe  gegen  meine
amtliche  Tätigkeit  anlangt,  so  ist  es  begreiflich,  daß  ich,  nachdem  ich  23
Jahre  in  exponierter  Stellung  stand,  Angriffe  zu  erfahren  hatte  und  noch
zu  erfahren  habe.  Ich  bin  an  dieselben  so  gewöhnt,  daß  ich  offen  gestehe,
einen  erheblichen  Eindruck  machen  sie  auf  mich  nicht.  Ich  setze  ihnen  das
Bewußtsein  entgegen,  daß  ich  stets  das  Beste  gewollt  habe.  Es  mag  ja
sein,  daß  ich  nicht  immer  das  Richtige  getroffen  habe;  ich  habe  auch  nicht
immer  Erfolge  gehabt.  Allein  eine  23jährige  Ministertätigkeit  kann  ja
nicht  eine  ununterbrochene  Kette  von  Erfolgen  sein,  und  ein  Mensch  ist
ja  von  Irrtümern  und  Fehlgriffen  nicht  bewahrt.  Ich  habe  mich  stets
nur  als  Vertreter  der  Krone  betrachtet.  Ich  habe  es  streng  vermieden,
mich  in  die  Arme  einer  Partei  zu  werfen  und  habe  daher  von  hüben  und
drüben  Angriffe  erfahren.  Ich  stand  zu  keiner  Partei  —  vorbehaltlich
meiner  persönlichen  Beziehungen  zu  einzelnen  Abgeordneten  —  auf  einem
intimen  Fuße,  allein  meine  Beziehungen  zu  allen  Parteien  waren  korrekte,
welche  ein  ruhiges  Zusammenarbeiten  ermöglichten.  So  war  es  bis  zum
Schluß  des  vorigen  Landtages.  Von  da  war  ich  auf  einmal  der  Gegenstand
  heftiger  Angriffe.  Sie  kennen  ja  das  äußere  Vorkommnis,  welches
den  Wendepunkt  bildete.  Ich  habe  dasselbe  nicht  herbeigeführt,  allein  ich
vermochte  es  unter  den  gegebenen  Verhältnissen  auch  nicht  zu  hindern.
Aber  die  Frage  darf  wohl  berechtigt  sein:  was  hat  sich  denn  am  Schluß
des  Landtages  so  plötzlich  verändert  und  welches  war  die  politische  Lage
vom  Schluß  des  vorigen  Landtages  bis  zu  meinem  Rücktritt?  Was  die
Beziehungen  der  bayerischen  Regierung  zum  päpstlichen  Stuhle  anlangt,
so  waren  dieselben  während  der  ganzen  Zeit  meiner  Amtsführung  durchaus
  vorzüglich.  Friktionen  sind  äußerst  selten  eingetreten,  und  wenn  sie
vorkamen,  so  wurden  sie  in  gegenseitigem  freundschaftlichen  Einvernehmen
rasch  und  leicht  erledigt.  Auch  sonst  wurden  kirchliche  und  religiöse  Interessen
  von  seiten  der  Regierung  jederzeit  gewahrt  und  ich  glaube  von  seiten
des  anwesenden  hochwürdigsten  Vertreters  des  Episkopats  keinen  Widerspruch
  zu  erfahren,  wenn  ich  behaupte,  daß  alle  Wünsche  und  Anregungen,
welche  von  kirchlicher  Seite  kamen,  ein  offenes  Ohr  und  eine  freundschaftliche
  Prüfung  erfuhren,  vorbehaltlich  der  Schranken,  welche  die  Verfassung
und  der  Charakter  Bayerns  als  paritätischer  Staat  in  Hinsicht  auf  die
interkonfessionellen  Verhältnisse  mit  sich  bringen.  Die  Regierung  war  ferner
immer  bemüht,  die  konfessionellen  Gegensätze  zu  mildern.  Wenn  diese
Gegensätze  heute  eine  Schärfe  angenommen  haben,  wie  seit  langer  Zeit
nicht,  so  ist  die  Regierung  jedenfalls  daran  unschuldig,  denn  die  Regierung
hat  immer  im  Sinne  der  Mäßigung  und  Versöhnung  gewirkt.  Aus-