Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zwanzigster Jahrgang. 1904. (45)

Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (März 4./16.)  43

zum  Trotz.  Wir  leben  und  kämpfen  auf  diesem  Boden,  um  dieses  unser
Vaterland,  unser  Heimatland,  das  so  gut  unser  Vaterland,  vielleicht  noch
mehr  als  Ihr  Vaterland  ist,  so  zu  gestalten,  daß  es  eine  Freude  ist,  in
demselben  zu  leben,  auch  für  den  letzten  unter  uns.  Das  ist  unser  Bestreben,
  das  suchen  wir  zu  erreichen  und  deshalb  werden  wir  jeden  Versuch,
  von  diesem  Vaterlande  ein  Stück  Boden  wegzureißen,  mit  allen
uns  zu  Gebote  stehenden  Kräften  bis  zum  letzten  Atemzuge  zurückweisen.
Kriegsminister  v.  Einem:  Meine  Herren,  verzeihen  Sie  mir:  „Die  Botschaft
  hört'  ich  wohl,  allein  mir  fehlt  der  Glaube!“  .  .  Da  müssen
Sie  andere  Taten  zeigen,  da  müssen  Sie  aufhören,  diese  Agitation  zu
treiben.  Denn  das  ist  zweifellos:  man  kann  auf  der  einen  Seite  nicht
das  Vaterland  diskreditieren  in  den  Augen  seiner  Mitbürger,  man  kann
nicht  sagen,  ihr  seid  rechtlos,  ihr  seid  Sklaven,  und  auf  der  anderen  Seite
von  denselben  Leuten  verlangen,  daß  sie  ihr  Blut  und  Leben  und  alles,
was  sie  haben,  in  die  Schanze  schlagen  für  dieses  verlästerte  Vaterland.

An  den  folgenden  Tagen  wird  namentlich  diskutiert  über  die  technische
  Bildung  im  preußischen  und  bayerischen  Offizierkorps,  wobei  der
bayer.  Militärbevollmächtigte  Oberst  v.  Endres  dem  Versuche  des  Abg.
Müller-Meiningen  (fr.  Vp.),  einen  Unterschied  zu  ungunsten  Preußens  zu
konstatieren  und  ein  Kontingent  gegen  das  andere  auszuspielen,  lebhaft
entgegentritt.  Ferner  verlangt  Abg.  Müller-Meiningen  Auskunft,  ob  es
wahr  sei,  daß  der  Erbprinz  von  Meiningen  sein  Generalkommando  verloren
  habe,  weil  er  eine  Verfügung  gegen  die  Mißhandlungen  erlassen
habe.  So  sei  es  in  weiten  Kreisen  aufgefaßt  und  habe  großes  Aufsehen
erregt.  Kriegsminister  v.  Einem:  Die  Verabschiedung  der  kommandierenden
Generale  sei  durchaus  Sache  des  Kaisers,  und  er  lehne  es  ab,  darüber  hier
sprechen.  Die  Meinung,  daß  der  Erbprinz  wegen  Bekämpfung  der

Mißhandlungen  verabschiedet  sei,  sei  gerade  zu  eine  Beschuldigung  der  höchsten
Stelle,  als  ob  Seine  Majestät  nicht  selbst  mit  aller  Entschiedenheit  gegen
diese  Mißhandlungen  vorginge,  als  ob  er  einen  General  verabschiedete,
der  gegen  diese  von  Seiner  Majestät  mit  aller  Bestimmtheit  getadelten
Bergehen  vorging.  Am  8.  und  9.  März  findet  ein  lebhaftes  Rededuell
zwischen  den  Abgg.  Stöcker  (chr.soz.)  und  Bebel  (Soz.)  statt  über  die
sittlichen  Zustände  im  Offizierkorps,  wobei  Stöcker  scharf  gegen  die  sittlichen
  Anschauungen  der  Sozialdemokratie  im  Anschluß  an  Bebels  Buch:
„Die  Frau“  polemisiert.

Am  9.  März  werden  folgende  Resolutionen  angenommen:  1.  Eickhoff,
  Dr.  Müller-Sagan:  Die  Verbündeten  Regierungen  zu  ersuchen,  den
Mannschaften  des  stehenden  Heeres  und  der  Kaiserlichen  Marine  im  Falle
der  Urlaubserteilung  alljährlich  oder  doch  mindestens  einmal  während  ihrer
Dienstzeit  für  eine  Reise  in  die  Heimat  freie  Hin-  und  Rückfahrt  auf  den
deutschen  Eisenbahnen  zu  ermöglichen  und  ihnen  dabei  tunlichst  die  Benutzung
  der  Schnellzüge  zu  gestatten.  2.  Dr.  Beumer:  Die  Verbündeten
Regierungen  zu  ersuchen,  den  Mannschaften  des  stehenden  Heeres  und  der
Kaiserlichen  Marine  im  Falle  der  Urlaubserteilung  alljährlich  für  eine
Reise  in  die  Heimat  und  für  eine  entsprechende  Rückreise  in  die  Garnison
freie  Fahrt  auf  den  deutschen  Eisenbahnen  zu  ermöglichen.  —  Abgelehnt
wird  gegen  die  Rechte  und  Nationalliberalen  folgende  Resolution:  Die
Verbündeten  Regierungen  zu  ersuchen,  in  Erwägung  darüber  einzutreten,
inwieweit  die  Gewinnung  einer  ausreichenden  Zahl  von  Unteroffizieren
für  Armee  und  Flotte  durch  Ueberbürdung  der  einzelnen  infolge  ungleichmäßiger
  Verteilung  der  dienstlichen  Obliegenheiten  und  durch  unzulängliche
Löhnungsverhältnisse  erschwert  ist,  um  tunlichst  bald  Verbesserungsvorschläge
an  den  Reichstag  gelangen  zu  lassen.