Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zwanzigster Jahrgang. 1904. (45)

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  15.  16.)  51

dem  von  dem  Kriegsminister  eingeschlagenen  Verfahren  „eine  Verletzung
jenes  Vertrauens  erblicken,  welches  zum  gedeihlichen  Zusammenwirken
zwischen  Vertretern  des  Volkes  und  Vertretern  der  königlichen  Staatsregierung
  unbedingt  notwendig  ist“,  und  daß  sie  gegen  dieses  Verfahren
und  „gegen  die  von  dem  Kriegsminister  beliebte  und  für  den  Kollegen
Dr.  Pichler  höchst  beleidigende  Ausdrucksweise  feierlich  Verwahrung  einlegen“.

Kriegsminister  v.  Asch:  Er  habe  seiner  Erklärung  nichts  hinzuzufügen,
  das  Gericht  werde  das  letzte  Wort  sprechen.  Er  schließt:  „Ohne
das  Recht  der  Abgeordneten,  sich  der  Bedrängten  anzunehmen,  irgendwie
anzutasten,  muß  ich  auf  das  entschiedenste  erklären,  daß  ich  von  der  Manneszucht
  in  der  Armee  nicht  ein  Jota  wegnehmen  lasse.“

15.  März.  Dem  Reichstag  geht  eine  Forderung  von  2  Millionen
  Mark  zu,  die  als  Entschädigung  für  Verluste  in  Südwestafrika
  dienen  sollen.

In  der  Begründung  heißt  es:  „Wenn  auch  eine  rechtliche  Verpflichtung
  zum  Ersatz  der  Verluste  an  Eigentum  und  sonstigem  Vermögen,  welche
eine  große  Anzahl  Weißer  durch  den  Eingeborenenaufstand  erlitten  haben,
nicht  anerkannt  werden  kann,  so  wird  doch  bei  der  Schwere  des  Unglücks,
das  über  das  Schutzgebiet  hereingebrochen  ist,  und  zahlreiche  Existenzen
ödkonomisch  zu  vernichten  droht,  ein  obrigkeitliches  Eingreifen  durch  Gewährung
  billiger  Entschädigungen  sich  nicht  vermeiden  lassen.  Nach  einer
telegraphischen  Meldung  des  Gouverneurs  ist  zur  Zeit  eine  genaue  Abschätzung
  des  Schadens  infolge  der  Zerstörung  und  Plünderung  durch  die
Hereros  nicht  möglich,  jedoch  muß  mit  mehreren  Millionen  gerechnet  werden.
Es  sind  deshalb  zunächst  zwei  Millionen  angefordert.  Im  Hinblick  auf
die  Unmöglichkeit  einer  annähernd  richtigen  Veranschlagung  ist  vorgesehen
worden,  daß  etwaige  Ersparnisse  dem  Reichshaushaltsetat  wieder  zugute
zu  bringen  sind.  Die  Abschätzung  des  den  einzelnen  erwachsenen  Schadens
sowie  die  Festsetzung  der  nach  Billigkeit  zu  gewährenden  Entschädigungen
soll  durch  eine  im  Schutzgebiete  zu  bildende  Kommission,  zu  welcher  auch
Laien  aus  verschiedenen  Berufsständen  herangezogen  werden  würden,  erfolgen.
  Die  allgemeinen  Grundsätze,  nach  welchen  die  Abschätzung  des
Schadens  sowie  die  Gewährung  und  Bemessung  der  Entschädigung  zu  geschehen
  hat,  unterliegen  noch  der  Erörterung.

16.  März.  (Preußen.)  Eine  Anzahl  russischer  Staatsangehöriger,
  die  öffentlich  gegen  die  Behandlung  der  russischen
Untertanen  durch  die  preußische  Regierung  protestiert  hatten,  werden
  ausgewiesen.

16.  März.  (Reichstagswahl.)  Bei  der  Ersatzwahl  in
Schrimm-Schroda  erhält  Chlapowski  (Pole)  12330    Stimmen,
Guenter  (nl.)  3401.

16.  März.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  Kultusetat.
  Jesuitendebatte:  Erklärungen  der  Parteien  und  Bülows.

Polnischer  Religionsunterricht.  Verrohung  der  Jugend.

Abg.  Hackenberg  (nl.):  Seit  20  Jahren  haben  wir  das  erste  Wort
zu  diesem  Etat  von  einem  ehrwürdigen  Mitglied  des  Hauses  gehört,  der
die  Wünsche  seiner  Partei  zum  Ausdruck  zu  bringen  pflegte.  Dieses  Mitglied
  gehört  dem  Hause  nicht  mehr  an,  und  mir  ist  jetzt  durch  die  Liebens-4*