Mebersicht über die politische Entwielunz des Jahres 1907. 389
je zurückführen werde, daß man daher in der Wahlrechtsfrage
einstweilen mit einem Kompromiß zufrieden sein müsse. Umgekehrt
will die Rechte am liebsten am Wahlsystem nicht rütteln lassen.
Die Wintersession muß zeigen, ob ein Vergleich zwischen den beiden
Richtungen gefunden werden kann.
Am frühsten fanden die Gegensätze parlamentarischen Ausdruck
im Reichstage. Hier zeigte sich bei der Besprechung der Finanzlage
in der Etatsberatung eine scharfe Differenz zwischen den
Nationalliberalen einerseits und dem preußischen Finanzminister
und Reichsschatzsekretär anderseits: die Nationalliberalen forderten
Heranziehung von direkten Steuern zur Deckung des Defizits, die
beiden Minister lehnten sie rundweg ab. Die erregte Stimmung,
die hierdurch geschaffen worden war, erhitzte sich, als der Führer
der Nationalliberalen, Abg. Paasche, den Sensationsprozeß
Moltke-Harden besprach. Hierin war das schon ofl behandelte
Thema der „Kamarilla“ wieder angeschnitten worden, ohne daß
neues von Belang beigebracht werden konnte (S. 155). Obgleich
der angeklagte Herausgeber der „Zukunft“ schon längst den Anspruch
auf Glaubwürdigkeit verloren hatte (vgl. Preuß. Jahrbücher
Bd. 131 S. 194), und obgleich der Prozeß ihn aufs neue im ungünstigen
Lichte erscheinen ließ, trat Paasche doch für ihn ein —
wie behauptet wurde, aus persönlichen Rücksichten — und richtete
seinen Angriff besonders gegen den Kriegsminister, der die von
Harden angeblich aufgedeckten Verfehlungen hoher Offiziere nicht
genügend verfolge. Dieser offenbar ungerechte Angriff aus der
Mitte des Blocks gegen Herrn v. Einem, einen Mann von
unbezweifelbarer Integrität, rief in Verbindung mit den übrigen
Differenzen die größte Verwirrung unter den Blockparteien hervor;
die Besorgnis wurde laut, daß die Mehrheit in der Auflösung
begriffen sei. Der Reichskanzler Fürst Bülow erachtete es für
notwendig, mit seiner persönlichen Autorität für den Kriegsminister
einzutreten: er erklärte den Führern der Blockparteien rund heraus,
daß bei einer solchen Behandlung der Regierung die Fortsetzung
der Blockpolitik nicht möglich sei und er zurücktreten müsse, wenn
sich derartiges wiederhole. Gleichzeitig wies er erneut darauf hin,
daß zur Durchsetzung der Finanzreform die Parteien von rechts