388 Mebersicht über die politische Entmichelunz des Jahres 1907.
für eine ersprießliche Blockpolitik. Hier handelte es sich zuerst um
Schulfragen. Längst schon war der Kultusminister v. Studt
von der Linken und den Mittelparteien angegriffen worden, weil
er sich der Fachaufsicht über die Volksschulen widersetze, die wirtschaftliche
Hebung des Volksschullehrerstandes hindere und an
den Universitäten die Orthodoxie bevorzuge. Es wurde daher
schon während der Reichstagswahlen angenommen, daß hier eine
Wendung erfolgen würde, und der Rücktritt des Herrn von Studt
kam daher nicht überraschend (S. 123). Ob die Neubesetzung des
Kultusministeriums zugleich einen Systemwechsel bedeutet und ob
die Rechte, die auf dem Standpunkt Studts steht, in diesem Falle
Schwierigkeiten macht, ist im Berichtsjahre nicht mehr zum Ausdruck
gekommen. — Einschneidender war die Frage des Wüahlrechts.
Es ist ja eine alte Forderung des Wahlrechts, das preußische Dreiklassenwahlrecht
durch das Reichstagswahlrecht zu ersetzen. Freilich
sieht ein großer Teil der Freisinnigen dem allgemeinen Stimmrecht
für den Landtag mit Rücksicht auf die Sozialdemokratie mit einem
gewissen Bangen entgegen, aber es ist der Partei unmöglich, ihr
altes Prinzip zu verleugnen und diese Forderung fallen zu lassen.
Immerhin ist diese Stimmung, wie jeder weiß, doch so stark, daß
die Freisinnigen auch eine Wahlreform, die das Stimmrecht erweitert
ohne gerade das Reichstagswahlrecht einzuführen, als Erlösung
begrüßen und unter grundsätzlicher Wahrung ihres Standpunktes
zustimmen würden. Die Erfahrungen der bürgerlichen
Linken in der Opposition sind eben zu empfindlich gewesen. Wie
stark dieses Anlehnungsbedürfnis ist, zeigte sich im Sommer und
Herbst, als der Reichstagsabg. Pfarrer Naumann, ehemals Führer
des verschwundenen national-sozialen Vereins und jetzt Mitglied
der freisinnigen Vereinigung, einen Aufruf an die Linke erließ,
ihre Unentbehrlichkeit im Block zur Durchsetzung des Reichstagswahlrechts
für Preußen zu benutzen. Sein Artikel, dem vielleicht
wider seinen Willen die Bedeutung eines Ultimatums an die
Regierung zugeschrieben wurde, fand in der freisinnigen Presse und
bei der stärksten freisinnigen Gruppe, der freisinnigen Volkspartei,
scharfe Abweisung; immer wieder wurde betont, daß ein Austritt
der Linken aus dem Block die Zentrumsherrschaft drückender als