Metadata : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

—  —  —

294  12.  Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes

haben,  als  diese  gerechten  Erwartungen  des  deutschen  Volkes
zu  erfüllen.“

Was  Bismarck  gefürchtet  hatte,  trat  ein:  Bedenken,  Wünsche,
Einwürfe,  Widerstand  von  vielen  Seiten  anstatt  kräftiges  Zugreifen
  nach  der  unter  den  jetzigen  Umständen  erreichbaren  Gabe
deutscher  Einheit  und  Kraft  bis  zur  Mainlinie.  Wir  sind  heute
gewohnt,  die  Zeit  zwischen  1866  und  1870  in  hellem  Lichte  zu
sehen,  weil  der  Kriegs=  und  Siegesglanz  beider  Jahre  für  den
späteren  Betrachter  ihre  Sonnenstrahlen  über  die  Zwischenzeit
werfen.  Diese  hatte  aber  sehr  starke  Schatten.  Und  ihrer
empfindlichen  Kühle  stand  Bismarck  am  nächsten,  weil  er  die
Pflicht  hatte,  die  Schatten  zu  bannen.  Die  Kleinigkeiten  und
die  kleinlichen  Nörgeleien  übergehen  wir,  nur  die  großen  Fragen
seien  berührt.

Die  erste  Schwierigkeit,  bei  der  Bismarck  gegen  eine  neue
Gattung  parlamentarischer  Sondertümlerei  anzukämpfen  hatte,
betraf  die  Begründung  einer  starken  Bundesarmee  und  die
damit  zusammenhängende,  den  parlamentarischen  Partikularisten
unsympathische  Verkürzung  des  Budgetrechtes  der  Einzellandtage
  durch  den  Reichstag.  Die  Forderung  der  verbündeten
Regierungen  ging  dahin,  die  Ausgaben  für  das  Bundesheer  ein
für  allemal  gesetzlich  festzulegen;  nur  so  glaubten  sie  der  Zukunft
  sicher  entgegengehen  zu  können;  dieser  Sicherheit  wegen
wollten  sie  vertrauensvoll  dem  Bundesfeldherrn,  dem  Könige
von  Preußen,  eine  starke  Waffe  in  die  Hand  geben.  Der  Reichstag
  sollte  ein  für  allemal  für  jeden  bei  der  Fahne  dienenden
Soldaten  jährlich  225  Taler  als  Pauschalsumme  bewilligen,
und  ein  Prozent  der  Bevölkerung  sollte  unter  der  Fahne  gehalten
  werden.  Dagegen  erhoben  sich  nicht  nur  die  Linke
sondern  auch  die  Nationalliberalen,  in  deren  Namen  der  Abgeordnete
  Twesten  erklärte,  daß  ohne  eine  Anderung  dieses
Punktes  der  preußische  Landtag  schließlich  die  Verfassung  auf
jede  Gefahr  hin  verwerfen  müsse.  Darauf  setzte  Bismarck  mit
kräftigen  Worten  ein,  um  die  Gefahr  zu  zerstören,  die  seinem
Werke  drohte.  Er  erinnerte  an  die  Versuche  von  Frankfurt
und  Erfurt,  Deutschland  oder  einen  Teil  davon  zu  einigen;