Full text: Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Sechsundzwanzigster Jahrgang. 1910. (51)

502 Großbritannien. (März 2.) 
die nach der Verfassung zulässig seien, und für ihre erfolgreiche Durch- 
führung setze sie ihre Existenz ein. (Beifall; Ruf auf den Bänken der 
Unionisten: Wo bleibt das Budget?) 
Balfour erklärte, das abgeänderte Programm der Regierung be- 
weise einen absoluten Mangel an folgerichtiger Staatskunst. In jedem 
Satz desselben trete eine dominierende Erwägung hervor, nämlich wie das 
Kabinett zusammengehalten werden könne, wie die von allen Seiten drohen- 
den Stürme abgewendet werden könnten. Er glaube nicht, daß dies Staats- 
kunst sei, aber er leugne nicht, daß es eine geschickte parlamentarische Leitung 
sei und wahrscheinlich geeignet, alle Gruppen der Koalition zufrieden- 
zustellen. Aber wie sehr auch die Erklärung von Asquith geeignet erscheine, 
eine Aera des Friedens für die Regierung zu sichern, sei sie wenig ge- 
eignet, im Lande den Eindruck von der Staatskunst der Regierung zu ver- 
stärken. (Beifall bei der Opposition.) Redmond sagte, seine Absicht sei 
es nicht, einen Streit mit den Liberalen vom Zaune zu brechen, sondern 
Asquith zu verhindern, daß er von der kühnen, staatsmännischen Politik, 
welche er in seiner Rede in der Albert Hall dargelegt habe, zurückweiche. 
Er (Redmond) beklage, daß Asquith nicht angedeutet habe, was die Re- 
gierung tun werde, wenn die Lords die Resolutionen ablehnen sollten, 
und er erklärte, daß er und seine Partei gegen die Resolution bezüglich 
der Verteilung der Sitzungen stimmen würden, wenn er nicht die Zu- 
sicherung erhalte, daß Asquith, wenn die Lords die Resolution ablehnen 
sollten, zum König gehen und um Garantien bitten, und falls die Garantien 
verweigert werden sollten, zurücktreten würde. Das Mitglied Austen 
Chamberlain beklagte, daß die Regierung die Budgetberatung zurück- 
stelle und dadurch die finanziellen und die wirtschaftlichen Interessen des 
Landes schädige. Die Opposition sei nicht gesinnt, der Regierung des 
Königs nur deswegen zu opponieren, weil sie dadurch ein wenig früher 
aus dem Amte gehen müsse, als es auch ohnedies der Fall wäre. Die 
Opposition werde sich der Abstimmung enthalten. 
Schatzmeister Lioyd George erklärte, es wäre wünschenswert, daß 
die Regierung die von ihr vorgelegten allgemeinen Grundzüge einer Vetobill 
so bald wie möglich vom Unterhause entweder angenommen oder abgelehnt 
haben müßte, und daß sie ferner in Erfahrung brächte, ob die Lords ge- 
willt seien, auf Grund des Regierungsentwurfs in Beratungen einzutreten. 
„Wenn die Lords nicht dazu bereit sein sollten“, fuhr Lloyd George fort, 
„so kann ich allen unseren Freunden innerhalb und außerhalb des Hauses 
die Versicherung geben, daß wir nicht beabsichtigen, „Sand zu pflügen“. 
Wenn wir uns nicht in der Lage befinden sollten, sicherzustellen, daß unsere 
Vorschläge nicht nur vom Unterhause angenommen, sondern auch zum 
Gesetz erhoben werden können, so werden wir nicht im Amte bleiben.“ 
(Beifall.) 
Nach weiterer Diskussion wurde die Resolution des Premierministers 
bezüglich der Sitzungen des Hauses einstimmig angenommen. Die Nationa- 
listen und Radikalen waren augenscheinlich von den Erklärungen der 
Minister befriedigt. Das Haus nahm im weiteren Verlaufe der Sitzung 
einstimmig die Resolutionen an, durch die die Regierung ermächtigt wird, 
fernerhin zur Zurückzahlung der Schatzwechsel Geld zu leihen und zum 
Rückkauf des Restes der Kriegsanleihe von 1900, von der 9 Millionen 
bereits zurückgezahlt sind, für 21 Millionen Schatzbonds auszugeben. 
2. März. (Unterhaus.) Marinenachtragsetat. 
Der erste Lord der Admiralität erklärte, daß die vier Kontingent- 
Dreadnoughts vor dem 31. März 1912 in Dienst gestellt werden würden
	        
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