78 Erstes Buch. Die neue Staatsgründung des Großen Kurfürsten.
kennung der alten Landesrechte. Dazu brachten die Königsberger
eine Menge besonderer Gravamina vor, zumeist wirtschaftlicher
Natur, engherzigem Zunftgeiste entsprungen, der jede Konkurrenz
ausschließen und die Konsumenten der Ausbentung durch die
allein zum Betriebe ihres Gewerbes berechtigten Zunftgenossen
überantworten wollte. Sie betrafen die Zunahme der Schotten,
Franzosen und anderer Fremden im Hausierhandel, besonders
auf den Freiheiten — den der stlädtischen Gerichtsbarkeit entzogenen
Bezirken: namentlich Schneider, Schuster und Kürschner
forderten Schutz gegen die „kreiheitlichen Meister“. In diesen
Kreisen wurzelte Rohdes Macht. Ganz verschiedener Meinungen
waren die Stände über die Art, wie die geforderten finanziellen
Mittel beschafft werden sollten. Während die Städte die Accise,
die noch forterhoben wurde, obgleich sie nur bis Mitte September
1061 bewilligt war, beseitigt sehen wollten, meinte der
Adel, mit ihr lasse sich wohl auskommen, und empfahl ihre nur
vorlänsige Aufhebung, um sie verbessert wieder einzuführen. Das
war in den Augen der städtischen Opposition Abfall und Verrat,
über die das Urteil „der ehrbaren Welt und späteren
Posterität" überlassen werden müsse. Aber da sie nun in der
Steuerfrage auf den Adel nicht mehr rechnen konnte, hielt sie
für klug, in Sachen der Souveränetät dem Kurfürsten einen
Schritt entgegenzukommen. Ihre Mehrheit erklärte, sich in die
Zeit schicken und annehmen zu wollen, was doch nicht mehr
zu ändern sei, daher auf die von den oberen Ständen formulierte
Kapitulation hin, die sie in einigen Punkten noch änderte,
den Kurfürsten im Namen Gottes als ihren natürlichen Ober—
herru anzuerkennen, sobald sie durch gewisse autoritate comitiali
bestätigte Kommissare von der polnischen Krone auf öffentlichem
Reichstag ihres Eides entlassen wäre. In Königöberg freilich
dauerte die Spaltung fort: während die Räte und Gerichte
nebst den Gewerken der Schneider und Niemer des Löbenicht
die gleiche bedingte Anerkenumg der Sonveränetät alosprachen,
verharrte die übrige gemeine Bürgerschaft bei dem früheren
Protest. Schwerin hielt diesen zwar für ungesetzlich, riet aber
dem Kurfürsten dringend, er möge den sich bietenden Aueweg
benutzen und die Städte durch Aufhebung der Acceise vollende