68 Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (März 7.)
verlieren, dann werden sie selber aussterben. Aber irgendein Interesse
des Staats, nun mit einem Male diese Fakultäten zu beseitigen und damit
unsere katholische Bevölkerung in ihren Wünschen und Bedürfnissen, die
ebenso wie die anderer Konfessionen und Bevölkerungsteile das Recht auf
Berücksichtigung haben, zu verkümmern, dazu liegt kein Grund vor. Um
etwas anderes handelt es sich bei dem weltlichen Unterricht der geistlichen
Lehrer an den höheren Schulen. Man verlangt, er solle abgeschafft
werden. Ich habe Verständnis für die Auffassung mancher Kreise,
daß es bedenklich sei, den Unterricht in Deutsch und in der Geschichte Personen
zu übertragen, die in ihrer Lehrtätigkeit durch den Eid jedenfalls
enger gebunden sind als die anderen Lehrer, die diesen Eid nicht geleistet
haben. Aber es handelt sich darum: Soll dieser Unterricht mit einem
Schlage beseitigt werden? Eine zwingende Notwendigkeit dazu halte ich
nicht für vorliegend. Ich sehe nicht ein, warum diejenigen Lehrer, die
bisher zur größten Zufriedenheit Unterricht erteilt haben, auch nach Leistung
des Modernisteneides das nicht mehr tun sollten. Selbstverständlich müssen
auch in Zukunft die allgemeinen und speziellen Bedürfnisse der Schule erfüllt
werden. Die Schulverwaltung hat darüber zu wachen, wie das der
Kultusminister ja bereits in der Kommission betont hat. Unzweifelhaft ist
gerade diese Frage eine neue und beklagenswerte Reibungsfläche zwischen
Staat und Kirche. So sehr es der Staat bedauern muß, daß diese Reibungsfläche
entstanden, ohne seine Schuld entstanden ist, meine Herren, so sehr
hat er ein Interesse daran, diese Reibungefläche, soweit es an ihm liegt,
zu beseitigen. Darum wird sich der Staat und völlig einig mit ihm der
Kultusminister auch in Zukunft gezwungen sehen, darauf Verzicht zu leisten,
Geistlichen, die den Eid geleistet haben, den Unterricht im Deutschen und
in der Geschichte zum Beispiel neu zu übertragen. Ich drücke mich mit
Absicht vorsichtig aus. Niemand wird etwas daran finden, den Unterricht
in Griechisch, Latein oder in der Mathematik von ihnen erteilen zu lassen.
In ähnlicher Weise wird auch bei Uebertragung anderer Staatsämter in
Zukunft eine gewisse Zurückhaltung zu beobachten sein. Ich greife damit
in keiner Weise in die theologische Bedeutung des Modernisteneides irgendwie
ein. Aber es liegt ein staatliches Interesse vor, nachdem einmal Gegensätze
entstanden sind, die dem friedlichen Nebeneinanderleben der beiden Konfessionen
unzuträglich sind, diesen Gegensätzen unsererseits keine neue Nahrung
zuzuführen. Was nun die Gesandtschaft beim Vatikan angeht, so
hat sie das Abgeordnetenhaus ja wiederholt beschäftigt. Ich brauche Ihnen
die einzelnen Phasen nicht ins Gedächtnis zurückzurufen. Ich will nur
eines sagen: Bismarck, der sie aufgehoben hatte, hielt es für gut, sie wieder
einzuführen. Ich sollte meinen, das müßte auch für ihre Gegner von Bedeutung
sein. Hauptsächlich wird mit dem Grunde dagegen gekämpft, daß
es ihr nicht gelungen sei und nicht gelinge, die Kurie von Maßregeln abzuhalten,
die uns unangenehm sind. Wenn nach diesen Gesichtspunkten
gehandelt werden sollte, dann müßten wir leider noch eine ganze Reihe
anderer Missionen aufgeben. (Hört! hört! und Heiterkeit.) Aber dieses
Prinzip ist nicht absolut haltbar. Die Gesandtschaft hat uns wiederholt
ausgezeichnete Dienste geleistet. Zugeben muß ich allerdings, daß die Kurie
aus dieser hier zur Verfügung stehenden Information über deutsche Verhältnisse
nicht denjenigen Nutzen gezogen hat, aus dem Bestehen der Gesandtschaft
also, den die Gesandtschaft ihr gerne gewährt hätte. (Heiterkeit
und Hört! hört!) Das ist gerade bei dieser Mission eine unentbehrliche
Voraussetzung für ihr Gedeihen. Sollte diese Voraussetzung auch in Zukunft
in Fortfall kommen, dann müßte ich allerdings befürchten, daß dadurch
die Gegner dieser Gesandtschaft eine nicht zu unterschätzende Unter-