106 Vextsches Reich. (Februar 11. 12.)
werden. Wie man sich in Amerika zur Reuterhetze stellen will, ist nicht
unsere Sache. Auf eins ist jedenfalls unfehlbar zu rechnen: Je weniger die
Entwicklung mit den englischen Wünschen Schritt hält, desto kräftiger wird
Reuter sie durch seine Treibereien zu befördern suchen.
11. Febr. (Berlin.) Tagung des Verbandes der auf dem Boden
der Soz. Arb. stehenden Wahlvereine Groß-Berlins.
Der Verband spricht sich einstimmig für einen org. Zusammenschluß
der Opposition zur Bekämpfung der „antisozialistischen und imperialistischen
Politik“ des Parteivorstandes und der Fraktion aus. Einstimmig wird ein
vom Vorstand der Soz. Arbeitsgemeinschaft des Reichstags unterzeichneter
Aufruf angenommen, in dem es heißt: Im Einverständnis mit einer
großen Anzahl von Genossen aus allen Teilen Deutschlands richten wir
deshalb an alle Organisationen und Parteigenossen, die gewillt sind, mit
der Fraktion der Soz. Arbeitsgemeinschaft organisatorisch zusammenzuwirken,
die Aufforderung, sich an einer Oppositionskonferenz zu beteiligen,
in der die erforderlichen Maßnahmen zum Zusammenschluß der
Opposition zu treffen sind! Zu dem Zweck bitten wir diejenigen Wahlkreisorganisationen,
die sich bereits auf den Boden der Opposition gestellt
haben oder die einen solchen Beschluß noch fassen werden, sich unverzüglich
bei der unterzeichneten Adresse anzumelden. In Wahlkreisen, in denen nach
der Anstachelung des Parteivorstandes die oppositionellen Parteigenossen
durch Wahlkreisbeschluß ihrer Parteirechte beraubt werden, erwarten wir,
daß sie sofort eine eigene Organisation gründen und uns hiervon sowie
von ihrem Anschluß an unsere Bewegung gleichfalls in Kenntnis setzen. Und
nun frisch ans Werkl Kein Tag ist zu verlieren!
Der „Vorwärts“ bemerkt dazu: Nun haben wirklich dieselben Männer,
welche an der Spitze der Fraktionsspaltung standen, den ersten öffentlichen.
Schritt zur Gründung einer Konkurrenzpartei gegen die Sozialdemokratische
Partei Deutschlands getan. Sie sind da angelangt, wohin ihre Bahn notwendigerweise
führen mußte. Vor der Geschichte werden sie einst als diejenigen
stehen, die das stolze Gebäude der einheitlichen deutschen Arbeiterbewegung
in die Luft zu sprengen suchten. Aber noch haben wir die feste
Hoffnung, daß dieses Gebäude in seinen Grundfesten sich als stärker erweisen
wird als aller von seinen Zerstörern zusammengetragener Sprengstoff.
12. Febr. Besuch Kaiser Wilhelms in Wien. (S. Osterr.-Ung.)
12. Febr. Ablauf der Schonungsfrist für neutrale Dampfer.
Amtlich wird mitgeteilt: In der Nacht vom 12. zum 13. Febr. ist die
bisher nicht bekanntgegebene Schonungsfrist im Sperrgebiet des Atlantischen
Ozeans und des englischen Kanals für neutrale Dampfer, denen
die Nachricht von der Sperrgebietserklärung nicht mehr rechtzeitig zugegangen
war, abgelaufen. In der Nordsee ist dies bereits in der Nacht vom 6.
zum 7. Febr. der Fall gewesen, im Mittelmeer in der Nacht vom 10. zum
11. Febr. Nunmehr gilt nur die allgemeine für die Seesperre erlassene Warnung,
nach der die Schiffahrt auf keine Einzelwarnung mehr rechnen kann.
Schiffe, die dennoch die Sperrgebiete befahren, tun dies mit voller Kenntnis
der ihnen und den Besatzungen drohenden Gefahr. Es wird hiermit ausdrücklich
festgestellt, daß alle von feindlicher Seite verbreiteten Nachrichten
über Torpedieren neutraler Schiffe ohne vorheriges Anhalten vor obigem
für die einzelnen Sperrgebiete genannten Daten falsch sind. Die angegebenen
Schonzeiten galten sogar auch für feindliche Passagierdampfer, soweit sie
unbewaffnet waren, weil auf ihnen neutrale Passagiere ohne Kenntnis der
Seesperre sein konnten.