Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Bentsches  Reich.  (Februar  20.—22.)  149

Teshalb  können  wir  —  ich  hoffe,  daß  die  deutsche  Reichsleitung  dieselbe
Emsicht  besitzt  —  die  Hand  von  Longwy  und  Briey  nicht  mehr  abziehen.
##  kommen  mit  den  U-Booten  schneller  zum  Ziele  als  mit  allen  Friedensteden.
  Wer  sagt  denn,  daß  der  Reichskanzler  keine  Annexion  will?  (Abg.
Ad.  Hoffmann:  Sehr  richtig!)  Es  ist  eine  Beleidigung  für  den  Reichskonzler,
  wenn  Scheidemann  sagt,  daß  seine  Kriegsziele  auch  die  des  Reichskonzlers
  sind.  Den  Staatsmann,  der  ohne  Briey  und  Longwy,
ohne  Belgien  und  ohne  Kurland  und  litauischen  Besitz  aus
diesem  Kriege  zurückkäme,  würde  die  Geschichte  den  Totengräber
deutscher  Macht  und  deutscher  Größe  nennen.  (Abg.  Ad.  Hoffmann:
heobald,  du  bist  gewarnt!)  Unser  Volk  denkt  anders  als  Hué  und  seine
Parteifreunde.  Es  wäre  schlimm,  wenn  es  anders  wäre,  wenn  unser  Volk
nicht  durch  diesen  gewaltigen  Krieg  aufgerüttelt  wäre,  um  zu  erkennen,  daß
nicht  noch  einmal  für  uns  eine  solche  Gefahr  heraufziehen  darf.  Auch  unsere
Schützengrabenkämpfer  werden  zurückkehren  mit  der  Erwartung,  daß  der
Machtzuwachs  des  Vaterlandes  eine  Wiederholung  dieser  Kriegsgreuel  verhindern
  wird.  Wir  alle  hier  im  Lande,  die  die  Hungerblockade  Englands
erlebt  haben,  die  wir  sehen  an  den  Frauen  und  Kindern,  wie  sie  darunter
leiden  müssen,  wir  alle  hinter  der  Front  werden  dieselbe  Ueberzeugung
davontragen,  daß  nicht  sobald  zum  zweiten  Male  ein  solcher  Angriff  bevorstehen
  darf.  Einst  wird  das  deutsche  Volk  und  die  deutsche  Arbeiterschaft
den  Männern  danken,  die  gegen  Hué,  Scheidemann  und  Hoffmann  das
Volk  in  diesen  schweren  Tagen  aufrechterhalten  haben.  (Lebh.  Beifall.)

Hierauf  wird  ein  Schlußantrag  angenommen.  Zur  Geschäftsordnung
  bemerkt  Abg.  Adolf  Hoffmann  (Soz.  Arb.):  Durch  den  Schluß
der  Debatte  ist  es  mir  unmöglich,  nachzuweisen,  daß  solche  Reden  wie
die  der  Abgg.  Beumer,  Bell  und  Fuhrmann  nur  den  Krieg  verlängern
und  den  Frieden  weiter  hinausschieben,  daß  sie  im  Auslande  nur  den
Glauben  erwecken,  daß  unser  Friedensangebot  nicht  ernst  zu  nehmen  war,  daß
daher  auf  den  Frieden  erst  dann  zu  rechnen  ist,  wenn  die  Völker  selber  ihn
schließen,  wenn  sie  selber  die  Geduld  verloren  haben.  Ich  bin  verhindert,
dem  Abg.  Bell  nachzuweisen,  daß  in  der  französischen  Kammer  der  Abg.
Brizon,  dem  ich  über  die  blutenden  Schützengräben  hinweg  die  Hand  reiche,
auch  dieser  meiner  Auffassung  Ausdruck  gegeben  hat.  Die  Wirkung  der
Wortabschneidung  wird  im  Volke  nicht  die  sein,  die  man  davon  erwartet.
Es  war  eine  Anstandspflicht,  nachdem  Herr  Fuhrmann  mich  mit  einer
ganzen  Reihe  von  Fragen  bestürmt  hatte,  mich  ihm  antworten  zu  lassen;
statt  dessen  stimmen  auch  seine  Leute  für  den  Schluß.  Diese  fadenscheinige
Kampfesweise  ist  das  Gegenteil  von  dem,  was  man  nobel  nennt.  Herr  Fuhrmann
  meinte,  die  Behauptung,  daß  die  Kriegslieferanten  an  der  Verlängerung
  des  Krieges  ein  Interesse  hätten,  sei  eine  Schamlosigkeit.  Es  ist  eine
Schamlosigkeit,  das  abzustreiten,  denn  das  weiß  das  ganze  Volk.  (Vizepräs.
  Dr.  Porsch:  Das  gehört  nicht  mehr  zur  Geschäftsordnung.)  Dann
bemerke  ich  persönlich:  Außer  den  Kriegslieferanten  wird  jeder  der  Meinung
sein,  daß  es  eine  Schamlosigkeit  ...  (Zurufe.)  Ja,  soll  ich  noch  persönlicher
werden?  Dann  sage  ich,  diese  Zurückweisung  war  eine  Schamlosigkeit.  (Vizepräs.
  Dr.  Porsch  ruft  den  Redner  zur  Ordnung.)

Bizepräsident  Dr.  Porsch:  Ich  habe  das  Stenogramm  der  Rede  des
Abg.  Fuhrmann  inzwischen  durchgelesen  und  muß  ihn  wegen  der  Aeußerung
gegenüber  den  Abgg.  Hué  und  Hoffmann  nachträglich  zur  Ordnung  rufen.

Das  Haus  geht  sodann  zur  Besprechung  von  Mittelstandsfragen
über,  die  am  22.  abgeschlossen  wird.  Die  Notwendigkeit,  dem  gewerbl.  Mittelstande
  zu  helfen,  namentlich  auch  durch  verständnisvolle  Heranbildung  des
Nachwuchses,  wird  allseitig  anerkannt.  Der  Ausschußantrag,  der  u.  a.  die