360 Nertsées Neit. (März 29.)
unsere Feinde die Köpfe einrennen. Unser Vertrauen in die U.Bootwaffe
ist glänzend gerechtfertigt. Die Erfolge sind größer, als wir selbst dachten,
und England fühlt das in zunehmendem Maße. Jetzt regiert in Rußland
die Dumamehrheit. Inwieweit die Verantwortung für das, was in Rußland
geschehen ist, auf England fällt, ist noch nicht zu erkennen. Falsch ist
es, daß Deutschland den Zarismus gestützt habe. Unser Kaiser hat sich jeder
solchen Einwirkung enthalten. Der Ausgang der russischen Dinge ist völlig
unklar. Wir enthalten uns jeder Einmischung in fremde innerpolitische Dinge.
Das gilt auch für Rußland. Neben der Freiheit zur See, die wir im Kampfe
gegen England erstreben, dürfen wir den Weg nach Osten und Südosten
niemals außer acht lassen. Das Bündnis mit Oesterreich-Ungarn
bleibt für uns Lebensnotwendigkeit. Gesegnet, wer zuerst den Oelzweig des
Friedens aufnimmt! Wie alle Völker sehnt sich auch das unsere nach dem
Frieden. Die Behauptung, daß wir den Frieden nicht ernstlich gewollt hätten,
ist salsch. Jetzt heißt es durchkämpfen, bis wir uns den großen Aufgaben
des Friedens widmen dürfen.
Abg. Noske (Soz.): Die Staatsmänner der feindlichen Länder wollen
noch nichts von einem Frieden ohne Eroberungen wissen. Deshalb hat
Deutschland im Verteidigungskrieg für seine Sicherheit und Zukunft weiter
auszuhalten. Der Kampf geht immer noch weiter um Sein oder Nichtsein
unseres Volkes. Deshalb muß unser Wunsch dahin gehen, daß die jetzt wieder
aufgelegte Kriegsanleihe erfolgreich sei. Die Hoffnung Englands, den Sieg
zu erringen, muß ebenso zuschanden gemacht werden, wie seine Hoffnung
auf den Aushungerungskrieg. Die Völker wollen einen dauernden Frieden.
Deshalb ist es bedauerlich, daß wir immer wieder Aeußerungen zu hören
bekommen, die geeignet sind, die Friedensneigungen, den Friedenswillen in
anderen Ländern zu dämpfen. Und scharf ist es daher zu rügen, daß der
Geheimrat Kirchner in amtlicher Eigenschaft davon sprechen durfte, Deutschland
führe jetzt den ersten punischen Krieg. Die Zukunft Belgiens wird
bei den Friedensverhandlungen ein Streitpunkt von größter Bedeutung sein.
Die lautesten Schreier nach dem Besitze Belgiens haben ihre Ansorüche
wesentlich herabgemindert. Sie wollen sich jetzt mit der Befreiung der Flamen
begnügen. Sie stellen sich aber eine Aufgabe, die die Flamen von ihnen
gar nicht gelöst sehen wollen. Daran hätte auch der Reichskanzler denken
sollen, als er die flamische Abordnung empfing. Die Masse der Flamen hat
ebenso wie die der Wallonen jetzt nur den einen Wunsch nach der baldigen
Räumung ihres Vaterlandes. Der Versuch, in Belgien moralische Eroberungen
zu machen, war von vornherein zum Scheitern verurteilt durch die
zwangsweise Beschäftigung der belgischen Arbeiter. Dabei ist mit besonderem
Mißgeschick verfahren worden. Der Kaiser hat jetzt verfügt, daß
mit dieser zwangsweisen Einstellung einzuhalten sei und daß die zwangsweise
Verschickten in die Heimat entlassen werden sollen. Bedauerlicherweise
ist es der Entente gelungen, China zum Abbruch der Beziehungen mit
Deutschland zu bewegen. Wir hoffen, daß es nach dem Frieden gelingen
wird, die freundschaftlichen Beziehungen im beiderseitigen Interesse wieder
herzustellen. Zum Konflikt mit Amerika ist lediglich festzustellen, daß er
an Schärfe gewinnt. Wie die deutschen Arbeiter über das Verhalten Amerikas
denken, das hat der Brief Legiens an den Gewerkschaftsführer Gompers
klar gezeigt. In Rußland ist in den letzten Tagen ein unhaltbares System
zusammengebrochen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß man versucht hat,
den Zusammenbruch durch den Krieg zu bannen. Diese Rechnung war
trügerisch. Mit gespannter Aufmerksamkeit müssen wir verfolgen, wie sich
die Dinge in Rußland entwickeln. Die geistigen Führer bei der Aenderung
der Regierung wirken sicherlich nicht im Sinne der Herbeiführung eines