Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Denisqes  Rei.  (Januar  6.)  7

geworden  ist;  zur  zweiten  Heimat,  der  Sie  auch  jetzt,  in  dieser  Kriegszeit,
treu  geblieben  sind,  und  der  Sie  in  Werken  der  Nächstenliebe,  trotz  all
der  mannigfachen  Erschwerungen,  viel  Liebes  und  Gutes  erwiesen  haben.
Wir  sind  Ihnen  dafür  von  Herzen  dankbar.  M.  H.!  Sie  haben  das  deutsche
Volk,  das  Sie  jetzt  im  schwersten  Ringen  um  sein  nationales  Dasein  und
seine  nationale  Zukunft  sehen,  in  friedlichem  Schaffen  kennen  gelernt,  Sie
wissen,  daß  unser  einziger  Ehrgeiz  war,  im  friedlichen  Wettbewerb  der
Voller  durch  Arbeit  und  Tüchtigkeit  uns  emporzubringen,  durch  Hebung
unseres  geistigen,  sittlichen  und  wirtschaftlichen  Standes  uns  unseren  Platz
in  der  Welt  zu  gewinnen  und  zu  behaupten.  Sie  haben  den  Aufstieg
unserer  Wirtschaft  miterlebt,  Sie  haben  die  Ziffern  unserer  nationalen  Erzeugung
  und  unseres  Handels  sich  entwickeln  sehen  in  Progressionen,  die
nur  in  Ihrer  Heimat  erreicht  worden  sind.  Sie  haben  dabei  mit  uns  die
Wahrnehmung  gemacht,  daß  die  wachsende  Wirtschaftskraft  und  der  zunehmende
  Wohlstand  des  einen  Landes  nicht  zum  Schaden,  sondern  zum
Vorteil  des  anderen  Landes  ausgeschlagen  sind.  Denn  während  Sie  groß
wurden  und  wir  groß  wurden,  hat  sich  der  Güteraustausch  zwischen  den
Ver.  Staaten  und  Deutschlano  nicht  vermindert,  sondern  stark  vermehrt.  Ihr
Herr  Präsident  hat  Ihnen  für  das  le#tte  Jahrzehnt  vor  dem  Kriege  einige
Zahlen  genannt.  Ich  darf  seine  Ziffern  durch  unfre  deutsche  Statistik  ergänzen.
  In  den  zehn  Jahren  von  1903  bis  1913  ist  Deutschlands  Handelsumsatz
  mit  der  Union  von  1400  Mill.  Mack  auf  2125  Mill.  Mark  gestiegen,
eine  Entwicklung,  an  der  Ihre  Vereinigung  sich  einen  guten  Teil  des  Verdienstes
  zuschreiben  kann.  M.  H.!  Wer,  wie  Sie,  unser  deutsches  Volk  als
Volk  der  friedlichen  Arbeit  kennt,  der  ist  gefeit  gegen  die  bösartige  Phrase,
mit  der  unsere  Feinde  der  Welt  Sand  in  die  Augen  zu  streuen  suchen,
gegen  die  Phrase  vom  deutschen  oder,  wie  sie  lieber  sagen,  vom  preußischen
  Militarismus.  M.  H.!  Ich  frage  Sie,  was  ist  das  mit  unserem
Militarismus?  Sie  kennen  unser  Land  und  seine  Geschichte.  Sie  wissen,
daß  Deutschland  Jahrhunderte  hindurch  das  Schlachtfeld  seiner  kriegerischen
Nachbarn  war.  Sie  kennen  den  Rhein,  Sie  kennen  vielleicht  auch  meine
engere  Heimat,  die  schöne  Pfalz.  Wenn  Sie  jemals  dort  gereist  sind,  mit
offenen  Augen:  jede  Stadt  und  jede  Burg  spricht  zu  Ihnen  von  den  traurigen
  Zeiten  unserer  Ohnmacht,  von  der  Vernichtungswut  eines  Nachbars,
der  sich  vermaß,  jenes  blühende  Paradies  für  alle  Ewigkeit  zur  Wüstenei
zu  machen.  Ist  es  Militarismus,  wenn  wir  uns  dagegen  wehren,  daß
solche  Zeiten  wiederkehren?  Wenn  wir  planmäßig  unfre  Volkskraft  zur
Verteidigung  unseres  Vaterlands  organisiert  haben?  Und  haben  wir  etwa
zuviel  getan?  Blicken  Sie  auf  unsere  Nachbarn.  Ist  Frankreichs  Rückkehr
zur  dreijährigen  Dienstzeit  etwa  Pazifismus  gewesen,  und  nur  unser  Beharren
  bei  einer  zweijährigen  Dienstzeit  Militarismus?  Unmittelbar  vor
dem  Kriege  kam  auf  jede  Million  Einwohner  eine  Friedensstärke  der  Armee
von  rund  20000  Mann  in  Frankreich,  von  nur  12300  Mann  in  Deutschland.
  Wo  war  der  Militarismus,  bei  den  20000  oder  bei  den  12300  Mann?
Unsere  Ausgaben  für  Heer  und  Flotte  sind,  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung
gerechnet,  weit  hinter  denen  Englands  und  Frankreichs  zurückgeblieben.

Nehmen  Sie  dazu  die  Milliarden,  die  Frankreich  vor  dem  Kriege  Rußland
  für  den  ausgesprochenen.  Zweck  der  Kriegsvorbereitung  gegen  uns
vorgestreckt  hat!  Haben  wir  demgegenüber  nicht  eher  zu  wenig  als  zu  viel
Militarismus  an  den  Tag  gelegt?  Zeigt  nicht  dieser  Krieg,  den  wir  und
unsere  Verbündeten  gegen  eine  gewaltige  Uebermacht  durchfechten,  daß  wir
berechtigt  gewesen  wären,  unfre  Streitmacht  auf  einen  Zwei-=  oder  Dreimächte-Standard
  zu  bringen?  Aber  ist  der  Zwei=  oder  Dreimächte-Standard
etwa  eine  Erfindung  des  deutschen  Militarismus?  Oder  steht  die  Wiege