Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

414  Beuisches  Keich.  (April  16.)

Exrstenzminimum  zu  befriedigen.  Die  Regierung  und  der  Verfassungsausschuß
  müssen  zeigen,  daß  die  angekündigte  innerpolitische  Neuordnung
kein  leeres  Spiel  mit  Worten  ist.  Schließlich  dürfen  die  hoffnungsvollen
Friedenskeime,  die  sich  in  der  letzten  Zeit  entwickelt  haben,  nicht  durch  eine
gefährlichen  Einflüsterungen  folgende  Politik  wieder  gefährdet  werden.

16.  April.  (Berlin.)  Der  Hauptvorstand  des  Deutschen  Ostmarkenvereins
  beschließt  folgende  Erklärung:

Die  polnische  Frage  ist  wiederholt  von  berufenen  verantwortlichen
Staatsmännern  geradezu  als  die  wichtigste  innerpreußische  und  somit  auch
innerdeutsche  politische  Frage  bezeichnet  worden.  Aus  der  richtigen  Erkenntnis
  dieser  Tatsache  und  nicht  aus  Voreingenommenheit  gegen  die
poln.  Bevölkerung  sind  in  gemeinsamer  jahrzehntelanger  Arbeit  von  Regierung
  und  Volksvertretung  die  verschiedenen  Schuygesetze  geschaffen
worden,  die  die  Vergewaltigung  der  Deutschen  in  der  Ostmark  durch  die
Polen  verhindern  und  damit  die  dauernde  Sicherung  der  Ostgrenze  des
Reiches  gewährleisten  sollten.  Die  zur  Förderung  des  Deutschtums  in  der
Ostmark  erlassenen  Gesetze  und  Einrichtungen  werden  erst  dann  entbehrlich,
wenn  die  Polen  sich  mit  ihrer  Zugehörigkeit  zum  preußischen  Staat  vollkommen
  aussöhnen  und  ihre  Feindseligkeit  gegen  ihre  deutschen  Mitbürger
endgültig  aufgeben.  Die  Meinung,  daß  dieser  Zeitpunkt  jetzt  schon  eingetreten
  sei,  hat  sich  als  irrig  erwiesen,  und  die  Hoffnung  auf  eine
Sinnesänderung  der  Polen,  nachdem  sie  durch  die  Kriegstaten  der
demschen  Heere  und  mit  deutschem  Blute  von  der  Russenherrschaft  befreit
wurden  und  ihnen  ein  selbständiges  polnisches  Königreich  verheißen  ist,
war  trügerisch.  Die  Polen  im  neuen  Polenreich  wie  in  Preußen  haben
ihren  Standpunkt  nicht  verändert.  Das  hat  ihr  Verhalten  während  des
Krieges  vor  und  nach  der  Proklamation  des  poln.  Königreiches  unwiderleglich
  erwiesen.  Ihre  abwartende  Haltung  auf  den  Ausgang  des  Krieges,
die  kühle  Aufnahme  deutscher  Siege,  ihre  Zurückhaltung  bei  Zeichnung  der
Kriegsanleihe  und  insbesondere  bei  der  Ablieferung  der  Lebensmittel,  die
Erklärungen  der  voln.  Abgeordneten  im  Preuß.  Landtage  und  anderes
lassen  keinen  Zweifel  darüber,  daß  die  Polen  überall  nach  wie  vor  an
ihren  Wünschen  und  Streben  nach  einem  unabhängigen,  alle  Polen  vereinigenden
  polnischen  Staate  festhalten,  daß  also  nach  wie  vor  die  Richtung
ihrer  Politik  der  Lebensnotwendigkeit  des  Deutschen  Reiches  widerspricht.
Bei  diesem  Tatbestand  ist  eine  Aenderung  der  Polenpolitik  unmöglich.
  Ein  Entgegenkommen  gegen  die  Wünsche  der  Polen  ohne  Gewähr
  für  eine  durchgreifende  Sinnesänderung  und  einen  vorbehaltlosen
Verzicht  auf  ihre  bisherigen  Wünsche  und  Pläne  würde  die  Macht  und
den  Einfluß  der  Polen  im  Deutschen  Reiche  stärken  und  das  Deutschtum
in  der  Ostmark  schwächen  und  niederdrücken.  Die  notwendige  innere  Geschlossenheit
  des  Deutschen  Volkes  erfordert  nicht  nur  Rücksichtnahme  auf
das  Polentum,  sondern  nicht  minder  auf  das  treubewährte  Deutschtum
der  Ostmark,  das  durch  die  überraschende  Ankündigung  der  Kgl.  Staatsregierung
  mit  berechtigter  Sorge  erfüllt  ist.  Unsere  Pflicht  ist  es,  diesem
Empfinden  Ausdruck  zu  verleihen  und  mit  allem  Nachdruck  einen  Aufschub
  aller  Aenderungen  in  der  vom  Fürsten  Bismarck  eingeleiteten,
auf  sachlichen  Notwendigkeiten  beruhenden  Gesetzgebung  zum  Schutzedes
ostm.  Deutschtums  bis  zur  Heimkehr  des  Volkes  in  Waffen  zu  fordern.
Der  Deutiche  Ostmarkenverein  widerspricht  einer  Aenderung  der  deutschen
Politik  in  der  Ostmark  und  verweist  diejenigen,  die  einer  solchen  Schwenkung
in  der  bisher  festgehaltenen  und  bewährten  Politik  das  Wort  reden,  auf
die  schwerwiegende  Verantwortung,  die  sie  zu  tragen  haben,  wenn  sie