Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

588  Beuisches  Reich  (Mai  15.—16.)

sich  herauszubilden  drohen,  zu  verschärfen  und  zu  vertiefen,  sondern  ihre
Aufgabe  ist,  diese  Reibungen  zu  vermeiden  und  auszugleichen,  ihnen  vorzubeugen,
  soweit  es  geht.  (Sehr  richtig!  r.)  Was  diese  Debatte  angeht,  jo
scheint  ein  Zweifel  zu  bestehen,  ob  die  Reichsleitung  von  den  Anträgen  der
drei  Parteien  in  bezug  auf  die  Kommandogewalt  vorher  benachrichtigt  war
oder  nicht.  Sie  war  davon  nicht  benachrichtigt,  hatte  also  zu  einem  vorbeugenden
  Eingreifen  keine  Gelegenheit.  Ich  möchte  im  übrigen  glauben,
daß  auch  der  bisherige  Erfolg  —  ich  möchte  sagen,  bis  zu  den  letzten
Stunden  der  diesmaligen  Tagung  —  das  Verhalten,  das  die  Reichsleitung
eingenommen  hat,  doch  gerechtfertigt  hat.  Es  war  mir  eine  große  Freude,
heute  vormittag  im  Laufe  der  Sitzung  doch  gerade  von  den  Vertretern
derjenigen  Parteien,  die  den  bertreffenden  Antrag  unterzeichnet  haben,  zu
hören,  daß  niemand  daran  denkt,  das  Treuverhältnis  zwischen  Kaiser  und
Armee,  zwischen  Kaiser  und  Offizierkorps  irgendwie  antasten  zu  wollen.
Ich  habe  weiter  von  verschiedenen  der  Herren  Redner,  bestimmt  von  den
Herren  Abgg.  Gröber  und  Schiffer,  gehört,  daß  die  Beschlüsse,  wie  sie  in
der  Kommission  gefaßt  worden  sind,  keineswegs  der  Weisheit  letzten  Schluß
darstellen.  Ich  habe  den  Eindruck  gewonnen,  daß  die  Herren  selbst  mit  sich
noch  erwägen  und  überlegen,  was  in  diesen  Dingen  tunlich  ist,  und  was
nicht  getan  werden  kann.  Ich  glaube  also,  namentlich  wenn  ich  mir  nochmals
  vor  Augen  halte,  daß  die  Erörterung  heute  vormittag  das  wertvolle
Ergebnis  gehabt  hat,  daß  nach  den  Erklärungen  aus  dem  Hause  niemand
die  Stellung  des  Kaisers  als  des  Obersten  Kriegsherrn  antasten  will  in
ihren  wesentlichen  Punkten  —  ich  glaube,  angesichts  dieses  wesentlichen  Ergebnisses
  ist  die  Haltung,  die  der  Herr  Reichskanzler  und  ich  in  seiner  Vertretung
  eingenommen  habe,  sachlich  und  praktisch  durchaus  gerechtfertigt.
(Zustimmung  in  der  Mitte,  bei  den  Natl.  und  l.)

Abg.  Gröber  (Ztr.):  Fest  steht,  daß  die  Einladung  zum  Verfassungsausschuß
  dem  Reichskanzler  zugestellt  worden  ist  und  die  Benachrichtigun
der  beteiligten  Ressorts  erfolgt  ist;  es  wäre  ja  wohl  möglich  gewesen,  daß
die  Vertreter  dieser  Ressorts  erschienen  und  ihre  Aeußerungen  machten;
daran  halte  ich  fest.  Das  Wort  „Treuherzigkeit“  hat  man  mir  im  Munde
herumgedreht,  um  es  zu  verspotten.  Wir  haben  doch  drei  Kriegsjahre  lang
zusammen  mit  der  Regierung  alles  bewilligt,  was  für  das  Vaterland  gut  ist.

Damit  schließt  die  Aussprache.  Der  Antrag  Albrecht  wird  gegen  die
Stimmen  der  soz.  Parteien,  der  Polen  und  Els.  abgelehnt.

Die  übrigen  Kapitel  des  Reichshaushaltsplanes  werden  zumeist  ohne
Aussprache  erledigt.

Zum  Etatsgesetz  gibt  Abg.  Dr.  Gradnauer  (Soz.)  folgende  Erklärung
  ab:  Der  ordentliche  Reichsetat  für  1917  trägt  in  noch  höherem
Grade  als  der  für  das  Jahr  1916  das  Gepräge  der  ungerechten  und  einseitigen
  Belastung  der  wirtschaftlich  schwachen  Volkskreise.  Von  den  1250  Mill.
Mark  neuer  Steuereinnahmen,  die  er  vorsieht,  entfallen  mehr  als  zwei  Drittel
auf  die  Besteuerung  des  Verkehrs  und  der  Kohle.  Dadurch  erfährt  der  Lebensbedarf
  der  breiten  Schichten  unseres  Volkes,  die  ohnehin  unter  der  Kriegsteuerung
  aufs  schwerste  leiden,  eine  weitere  schwere  Belastung.  Die  Kriegssteuern
  von  1916  und  1917  bürden  den  Minderbemittelten  und  Besitzlosen
eine  alljährlich  wiederkehrende  Abgabenlast  von  1⅛/  Milliarden  M.  auf  und
schonen  den  Besitz  gegen  jede  dauernde  Verpflichtung  gegenüber  dem  Reich.
Diese  Steuergesetzgebung  nimmt  keinerlei  Rüchschr  auf  die  Leistungsfähigkeit
  der  verschiedenen  Schichten  unseres  Volkes  und  auf  die  großen
Opfer  und  Entbehrungen,  die  die  Notleidenden  zu  ertragen  haben.  Sie
stimmen  nicht  überein  mit  der  oft  verkündeten  Opferbereitschaft  der  Besitzenden,
  sie  dient  weder  der  notwendigen  sozialen  Pflege  der  Volkskräfte