Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Denisqhes  Reich.  (Juli  11.)  685

Abg.  Graf  v.  Westarp  (Kons.):  Wir  wünschen,  daß  die  Kreditvorlage
auch  wegen  des  Eindrucks  auf  das  Ausland  möglichst  glatt  erledigt  wird.

Abg.  v.  Payer  (Fortschr.  Vp.):  Wegen  des  Eindrucks  auf  das  Ausland
  wäre  es  besser  gewesen,  wenn  Graf  Westarp  nicht  gesprochen  hätte.
Die  Absetzung  des  ersten  Punktes  ist  selbstverständlich;  daß  damit  die
Kreditvorlage  zusammengehört,  haben  wir  im  Seniorenkonvent  als  gegeben
betrachtet.  Wenn  es  aus  finanziellen  Gründen  eilig  wäre,  wäre  es  etwas
anderes;  aber  wir  sind  jetzt  finanziell  vorerst  gesichert.

Abg.  Mertin  (Dtisch.  Fr.):  Ich  kann  nicht  anerkennen,  daß  wir  erst
die  Reichspolitik  prüfen  müssen,  ehe  wir  die  Kreditvorlage  vornehmen.
Das  ganze  Volk  schaut  darauf,  daß  die  Kreditvorlage  bewilligt  wird.

Die  Absetzung  des  ersten  Gegenstandes  wird  ohne  besondere  Abstimmung
  beschlossen.  Die  Absetzung  der  Kreditvorlage  wird  gegen  die  Stimmen
der  Kons.,  einiger  Natl.  und  der  U.  Soz.  genehmigt.  Dagegen  werden  die
vom  Abg.  Spahn  vorgeschlagenen  Gegenstände  auf  die  Tagesordnung  gesetzt.

In  der  ersten  Beratung  des  Entwurfs  eines  Gesetzes  über  Fürsorge
für  Kriegsgefangene  (s.  S.  670)  erklärt  Abg.  Davidsohn  (Soz.):  Wir
sind  mit  der  Tendenz  dieser  Vorlage  einverstanden,  nur  in  Einzelheiten
scheinen  Aenderungen  wünschenswert,  z.  B.  ist  nicht  deutlich,  ob  auch  die
klimatische  Gesundheitsschädigung  eines.  Kriegsgefangenen  unter  das  Gesetz
fällt.  Ferner  ist  nicht  klar,  wie  weit  die  deutsche  Fürsorge  entzogen  werden
kann,  wenn  der  feindliche  Staat  die  Fürsorge  übernimmt.  Gegen  die  „angemessene“
  Fürsorge  für  feindl.  Kriegsgefangene  habe  ich  Mißtrauen;  der
Umfang  der  Fürsorge  muß  im  Gesetz  begrenzt  werden.

Nachdem  noch  die  Abgg.  Weinhausen  (Fortschr.  Vp.),  v.  Boehn  (Kons.),
Dr.  Cohn-Nordhausen  (U.  Soz.)  und  Seyda  (Pole)  den  Grundgedanken
der  Vorlage  zustimmend  begrüßt  haben,  wird  sie  einem  Ausschuß  von  21
Mitgliedern  überwiesen.

Darauf  wendet  sich  das  Haus  zur  ersten  Lesung  der  Vorlage  betr.  die
Wiederherstellung  der  deutschen  Handelsflotte.  Die  Vorlage
nimmt  für  diesen  Zweck  die  Gewährung  von  Beihilfen  an  die  Eigentümer
deutscher  Kauffahrteischiffe  in  Aussicht  1.  für  die  Ersatzbeschaffung  von
Schiff  und  Inventar,  wenn  das  Schiff  durch  den  Krieg  verloren  gegangen
oder  erheblich  beschädigt  worden  ist,  2.  zur  Deckungber  Aufwendungen  für
Instandhaltung,  für  Hafengelder,  Heuer  usw.,  wenn  das  Schiff  durch  den
Krieg  festgehalten  oder  an  der  Fortsetzung  der  Reise  gehindert  worden  ist.
Ein  besonderer  Ausschuß  von  7  Mitgliedern,  die  der  Bundesrat  auf  Vorschlag
des  Reichskanzlers  ernennt,  soll  über  die  Gewährung  der  Beihilfen  befinden.

Staatssekretär  des  Innern  Dr.  Helfferich:  Unsere  Handelsflotte  ist
ein  wesentlicher  Teil  unseres  wirtschaftlichen  Rüstzeuges.  Ihre  glänzende
Entwicklung  in  den  letzten  Jahrzehnten  vor  dem  Kriege  ist  Ihnen  bekannt.
Noch  1896  betrug  der  Raumgehalt  unserer  Handelsflotte  2  Mill.  Tonnen.
Dieser  war  vor  dem  Krieg  auf  5  Mill.  Tonnen  gestiegen.  Während  unsere
Handelsflotte  vor  wenigen  Jahrzehnten  nicht  nur  hinter  England,  sondern
auch  hinter  Frankreich  und  Norwegen  stand,  hat  sie  vor  dem  Kriege  die
erste  Stelle  in  der  Welt  nach  der  engl.  eingenommen.  Nicht  nur  ihr
Material  wär  im  Laufe  der  Zeit  sehr  verbessert  worden,  auch  in  bezug  auf
den  Wert  stand  sie  an  erster  Stelle.  Sie  wissen,  welches  Ansehen  unsere
Handelsflotte  auch  im  feindlichen  Auslande  genoß  Unsere  großen  Schifffahrtsgesellschaften
  waren  vor  dem  Kriege  und  auch  im  Kriege  Gegenstand
der  Bewunderung  und  des  Neides  für  die  ganze  Welt.  Im  Kriege  haben
unsere  Reeder  ganz  besonders  schwer  gelitten.  Von  den  5  Mill.  Tonnen,
die  vor  Ausbruch  des  Krieges  vorhanden  waren,  sind  2  Mill.  Tonnen  und
mehr  entweder  direkt  in  die  Hände  unserer  Feinde  gefallen  oder  entwertet.