Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

698  Beutsshes  Peic.  (Juli  14.—16.

Noch  am  14.  findet  in  Fortsetzung  der  am  Vortage  (s.  S.  692)  im
Generalstab  stattgehabten  Unterhaltung  zwischen  dem  Generalfeldmarschall
v.  Hindenburg,  dem  General  Ludendorff  und  den  Führern  der  Reichstagsfraktionen
  auf  Veranlassung  und  in  Gegenwart  des  Reichskanzlers  eine
zwanglose  Aussprache  mit  den  Vertretern  des  Zentr.,  der  Fortschr.  Vp.
und  der  Soz.  bei  dem  Staatssekretär  des  Innern  Dr.  Helfferich  statt,  die
am  15.  mit  Vertretern  der  Kons.,  der  Natl.  und  der  Dtsch.  Fr.  fortgesetzt  wird.

Am  18.  teilt  das  „WTV."“  mit,  daß  gelegentlich  dieser  Besprechungen
General  Ludendorff  über  den  U-Bootkrieg  u.  a.  folgendes  geäußert
hat:  Bei  der  Obersten  Heeresleitung  war  für  die  Führung  des  U-Bootkrieges
  zunächst  der  Wunsch  bestimmend,  die  feindliche  Kriegswirtschaft,
namentlich  die  Munitionserzeugung,  zu  treffen.  Unsere  Westarmeen  erfuhren
  durch  die  U.Boote  eine  wesentliche  Entlastung.  Die  feindliche
Munitionsanfertigung  ist  gemindert.  Die  U-Boote  haben  diese  Aufgabe
erfüllt,  und  das  Zusammenwirken  der  Marine  mit  der  Armee  stellt  sich
somit  als  mustergültig  dar,  entsprechend  den  ungeheuren  Verhältnissen  des
Weltkrieges,  in  dem  wir  noch  mit  beiden  Füßen  stehen.  Die  Oberste  Heeresleitung
  erwartet  vom  U-Bootkrieg  ferner,  daß  er  die  Kriegsfähigkeit  Englands
durch  Verminderung  des  Frachtraums  auf  dem  Weltmeer  und  durch  die  sich
daraus  ergebenden  Fragen  bricht.  Die  Erfüllung  auch  dieses  zweiten  Wunsches
wird  kommen  und  damit  —  trotz  Amerika  —  die  Beendigung  des  Weltkrieges
  und  der  auch  von  der  Obersten  Heeresleitung  gewünschte  Friede.

14.—15.  Juli.  (Berlin.)  Tagung  der  Vertrauensmänner  des
„Unabhängigen  Ausschusses  für  einen  deutschen  Frieden“.

Am  14.  wird  folgende  Entschließung  angenommen:  „Schwer  ist  die
Zeit,  aber  sicher  der  Sieg!“  hat  GFM.  Hindenburg  dem  deutschen  Volke  verkündet.
  Der  „U.  A.  f.  e.  d.  Fr.“  erhebt  daher  gegen  die  von  der  Reichstagsmehrheit
  geplante  schwachmütige  Friedensresolution  den  allerschärfsten  Widerspruch.
  Die  Annahme  dieser  Resolution  würde  den  Krieg  nicht  verkürzen,
sondern  ins  Endlose  verlängern,  da  sie  den  Kriegs-  und  Siegeswillen  der
Feinde  stärken,  den  des  deutschen  Volkes  aber  zerbrechen  müßte.  „Der  „Verständigungsfriede“,
  wie  er  der  Reichstagsmehrheit  vorschwebt,  würde  das
Deutsche  Reich  für  immer  aus  der  Reihe  der  Großmächte  stoßen  und  einen
geradezu  beispiellosen  wirtschaftlichen  Niedergang,  sowie  eine  allgemeine
Verelendung,  vor  allem  auch  der  arbeitenden  Klasse  zur  Folge  haben.  Der
„U.  A.  f.  e.  d.  Fr.“  bestreitet  dem  unter  ganz  anderen  politischen  Verhältnissen
  gewählten  Reichstage  das  Recht,  derartig  die  Zukunft  des  deutschen
Volkes  zu  verspielen.  Unser  Volk  will  in  dieser  Stunde,  da  es  sich  um
Sein  oder  Nichtsein  handelt,  seine  Zukunft  gesichert,  nicht  aber  dem  Machtstreben
  der  Parteien  geopfert  sehen.  Das  deutsche  Volk  steht  in  unerschütterlichem
  Vertrauen  zu  seinen  Führern  in  Heer  und  Flotte  und  erwartet,  daß
endlich  auch  die  politische  Führung  in  sichere  und  feste  Hände  gelangt,  die
fähig  sind,  die  deutsche  Kraft  der  Welt  auch  politisch  zu  offenbaren.  Dann
wird  es,  dessen  sind  wir  gewiß,  ausharren  im  Willen  zum  Siege,  wird
alle  Entbehrungen  tragen  und  jedes  Opfer  bringen.

Am  15.  werden  zum  Abschluß  der  Aussprache  über  Fragen  des
Ostens  Leitsätze  gebilligt,  die  eine  kraftvolle  Ostpolitik  fordern.

15.  Juli.  Kaiser  Wilhelm  empfängt  den  bisherigen  Reichskanzler
  Dr.  v.  Bethmann  Hollweg  in  Abschiedsaudienz.

16.  Juli.  Eine  Kaiserl.  Verordnung  bestimmt  über  Abänderung
der  deutschen  Prisenordnung  vom  30.  September  1909  folgendes: