Full text : Heinrich der Löwe Herzog von Bayern und Sachsen.

Vizelin  als  Slawenbekehrer.  73

nach  Lübeck  zwei  Priester  kommen  und  auf  einem  benachbarten  Hügel  eine
Kirche  erbauen.  Aber  diese  vielverheißende  Stiftung  wurde  durch  die  Ranen
und  durch  die  beständigen  Thronstreitigkeiten  der  obotritischen  Fürsten  bald
wieder  zerstört"),  später  errichtete  sie  König  Knut  der  Däne  von  neuem').

Einen  frischeren  Aufschwung  nahmen  Vizelins  Bestrebungen,  als  Kaiser
Lothar  selbst  nach  Holstein  hinabzog,  den  Sigeberg  im  Wagrierlandes)  (1134)
befestigte  und  die  sigebergische  und  lübecksche  Kirche  dem  Vizelin  unterordnete.
  Warm  empfahl  der  Kaiser  Vizelin  dem  Slawenfürsten  Pribislaw,
schrieb  ihm  bei  Verlust  der  kaiserlichen  Gnade  vor,  besonders  die  lübecksche
Kirche  zu  beschützen  und  zu  fördern,  und  rüstete  Neumünster,  Sigeberg  und
Lübeck  mit  Grundstücken  und  Vorrechten  aus.  So  erwählte  Vizelin  seine
treuesten  Genossen,  die  schon  vor  zehn  Jahren  in  sein  Kloster  Neumünsterf)
eingetreten  waren  —  darunter  Dittmar  —  in  diesen  neuen  Gemeinden  das
Christentum  als  Vorposten  gegen  die  Heiden  aufrechtzuerhalten  und  zu
neuen  Siegen  zu  führen.  Durch  den  Tod  Kaiser  Lothars  freilich  und  die
Streitigkeiten,  die  sich  zwischen  dem  Grafen  Adolf  von  Holstein  und  Heinrich  (1138)
von  Badwide  erhobenff#),  gerieten  auch  die  kirchlichen  Verhältnisse  Wagriens,
hier  ganz  besonders  mit  den  politischen  in  engster  Verbindung,  von  neuem
in  Verwirrung.  Große  Unglücksfälle  drohten  alles  von  Vizelin  mit  so  großer
Mühe  Erreichte  wieder  zu  vernichten.

Der  hauptsächlichste  Sitz  deutsch-christlicher  Kultur,  Lübeck,  war  schon  seit
langer  Zeit  ein  Hauptpunkt  der  neuen  Lehre  gewesen.  Jener  Slawenfürst
Gottschalk,  der  um  die  Mitte  des  11.  Jahrhunderts  die  Slawen  der  zimbrischen
  Halbinsel  zum  Christentume  hatte  bekehren  wollen  und  darüber  von
den  Seinen  erschlagen  ward,  hatte  dort  ein  Kloster  gestiftetf###).  Während  nun
in  der  Folgezeit  überall  die  christlichen  Kirchen  und  Niederlassungen  untergingen
  und  das  Heidentum  sich  wieder  Obotritiens  und  Wagriens  bemächtigte,
  blieb  in  Lübeck  allein  die  Kirche  bestehens),  wenn  auch  wahrscheinlich
die  Zahl  ihrer  Besucher  eine  äußerst  geringe  war.  Der  „König“  Heinrich,  der
Vizelin  nach  Lübeck  berief,  verhütete,  daß  auch  sie  verfiel,  und  begünstigte
überhaupt  die  christliche  Gemeinde  in  Lübeckös).  Er  zog  viele  christliche  Kaufleute
  dorthin  und  siedelte  sie  auf  eimem  Hügel  bei  Atlübeck  auf  dem  entgegengesetzten
  Traveufer  an,  um  sie  vor  heidnischen  Angriffen  vom  Meere  her
etwas  zu  schützen.  Wie  notwendig  diese  Vorsicht  gewesen  war,  zeigte  sich

(um
1100)

 

Heim.  I.  48.

)Heim.  I.  49.

)  Segeberg  an  der  oberen  Trave,  zirka  20  Kilometer  westnordwestlich  von  Lübeck.
!)  Dieses  wurde  im  Jahre  1136  von  dem  Erbischofe  Adalbero  bestätigt  und  mit  den
Einkünften  von  Drageresthorp  beschenkt  (Westphalen,  Monumenta  Germaniae
inedita  imprimis  Cimbrica,  II,  p.  9  f.)  und  durch  den  Kaiser  Lothar  von  allen  Lasten
befreit  (ibid.  p.  11  f.).  —  Vgl.  Lappenberg,  Hamburg.  Urkundenb.,  Nr.  151.
ft)  S.  Einleitung  und  II.  Buch  im  Anfang.

l1)  Heim.  I,  20.

MHelm.  I.  34.

4)  Helm.  I,  41.