Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Pentscheo  Reich.  (Oktober  9.—10.)  869

von  dem  Herrn  Kriegsminister  die  Leitsätze  mitgeteilt  worden,  die  für  diss
Aufklärungsarbeit  im  Heere  gelten.  Diese  Leitsätze  haben  bei  der  Mehrzahl
der  Mitglieder  des  Ausschusses  die  volle  Ueberzeugung  geschaffen,  daß  das,
was  geplant  und  was  geschehen  ist,  durchaus  segensreich  ist  und  sich  in
dem  Rahmen  hält,  der  für  derartige  einheitlich  organisierte  Aufklärungsarbeit
  im  Heere  bestehen  muß.  Es  ist  uns  gestern  das  Wichtigste  mitgeteilt
worden;  ich  will  darauf  heute  erneut  zurückkommen  und  nehme  Veranlassung,
aus  diesen  Leitsätzen  das  Wesentlichste  mitzuteilen.  Die  wesentlichsten
Gebiete  der  Aufklärung  sind,  nach  dem  Willen  der  Obersten  Heeresleitung:
die  Ursachen  des  Krieges,  die  wirtschaftliche  Entwicklung  Deutschlands.
(Der  Reichskanzler  liest  die  weiteren  Themata  der  Aufklärung  vor.)  Die
Ziele  der  Aufklärung  sollen  erreicht  werden  durch  Vorträge,  Unterhaltungs-—-abende,
  Theateraufführungen.  Es  sind  Kinos  eingerichtet,  Feldpredigten,
Feldbüchereien  und  Feldbuchhandlungen.  Diese  ganze  Organisation  ist  hinausgetragen
  bis  nach  Mazedonien.  Durch  Soldatenheime  wird  sie  gefördert,
in  denen  die  Feldgrauen  draußen  einen  gewissen  Ersatz  bekommen  sollen
für  die  Heimat,  eine  Hilfe,  die,  wie  von  jedem  draußen  anerkannt  wird,
zu  vollem  Segen  gereicht.  Sie  danken  es  der  Obersten  Heeresleitung,  sie
danken  es  allen,  die  hier  im  Innern  mitarbeiten,  und  die  ganze  Organisation
  und  ihre  Arbeit  bleibt  ein  Bindeglied  zwischen  dem  Felde  und  der
Heimat.  Es  ist  ausdrücklich  gesagt,  und  das  ist  auch  durch  die  Order  der
Obersten  Heeresleitung  noch  ganz  besonders  scharf  betont  worden,  daß  diese
ganze  Einrichtung  mit  politischen  Fragen  nicht  in  Verbindung  gebracht
werden  soll.  Es  handelt  sich  um  vaterländischen  Unterricht,  wie  wir  ihn
auch  im  Frieden  zur  Förderung  der  Vaterlandsliebe  und  zur  Anerziehung
selbstloser  Hingabe  bei  den  Truppen  pflegen.  Der  Kriegsminister  hat  ohne
weiteres  zugegeben,  daß  bei  der  Aufklärungsarbeit,  die  hinausgeht  an
Millionen  von  Soldaten,  die  getrieben  wird  von  den  verschiedensten  Leuten,
die  doch  selbstverständlich  für  diese  Zwecke  nicht  alle  einheitlich  vorgebildet
sind,  selbstverständlich  gegen  die  Tendenz,  die  der  Feldmarschall  will,  daß
Politik  nicht  hineingetragen  werden  soll,  verstoßen  wird.  Daß  solche  Verstöße
  vorkommen,  daß  sie  auch  in  größerer  Zahl  vorkommen,  wird  aber
zugegeben,  der  Kriegsminister  hat  ausdrücklich  erklärt,  daß  da,  wo  in  unzulässiger
  Weise  Politik  hineingetragen  wird,  Remedur  geschaffen  wird.  Es
wird  darüber  gewacht  werden,  daß  der  vaterländische  Unterricht  nicht  zum
Mittel  politischer  Propaganda  gemacht  wird.  Die  vorgekommenen  Uebergriffe
  werden  gerügt,  und  insbesondere  wird  nicht  geduldet  werden,  daß
Abg.  wegen  ihrer  Stellungnahme  zu  den  Kriegszielen  herabgesetzt  oder  beleidigt
  werden.  Was  die  Beamten  betrifft,  über  die  auch  Klage  geführt
worden  ist,  daß  sie  in  unzulässiger  Weise  für  die  Vaterlandspartei  Propaganda
  getrieben  haben,  so  habe  ich  bereits  im  allgemeinen  meinen
Standpunkt  auseinandergesetzt.  Beamte  haben  das  Recht  der  politischen
Gesinnungsfreiheit.  Sie  können  jeder  Partei  beitreten  unter  der  Voraussetzung,
  die  ich  vorhin  unterstrichen  habe,  daß  sie  keine  Bestrebungen  verfolgen,
  die  den  Bestand  des  Deutschen  Reiches  und  den  Preußens  gefährden.
Irgendwelcher  Mißbrauch  in  der  Richtung,  daß  Vorgesetzte  nachgeordnete
Beamte  veranlassen,  Anschluß  an  bestimmte  Parteien  zu  suchen,  ist  unbedingt
  unzulässig,  und  ich,  wünsche  durchaus  nicht,  dal  ein  Druck  gegen
Beamte  seitens  ihrer  Vorgesetzten  nach  irgendwelcher  politischen  Seite  hin
erfolgt.  Diese  Bestimmungen  gelten  für  alle  Parteien.  M.  H.,  wenn  wir
diese  Ziele  innehalten,  dann  werden  wir  selbstverständlich  auf  einen  gangbaren
  Weg  des  gegenseitigen  Zusammenwirkens  kommen.  Wir  würden  sehr
viel  weiter  kommen,  wenn  auch  diejenigen,  welche  die  Friedenskundgebung
vom  19.  Juli  bekämpfen,  und  welche  von  ihr  behaupten,  daß  ihre  Anhänger