Full text : Zur Vorgeschichte des Weltkrieges.

au  unsicheren  Kantonisten  gewinnt.  Die  wirkliche  Volksstimmung
ist  ein  sehr  schwer  saßbares  und  lenkbares  Ding.  Was  die  Feder
des  Journalisten  als  öfsentliche  Meinung  ausgibt,  ist  ost  nur  des
Herrn  eigener  Geist  und  dringt  nicht  in  die  Tiefe  der  Volksseele.
Ganz  Große,  wie  Bismarck,  sind  nicht  in  geschäftiger  Sorge  um
lobende  Anerkennung  ihrer  Verdienste,  sondern  im  Kampf  gegen
die  sog.  öfsentliche  Meinung  populär  geworden.

Bülow,  der  die  Wirksamkeit  deutscher  Zeitungen  auf  die  nichtdeutsche
  Welt  in  langen  Jahren  vom  Auslande  her  beobachten
mußte,  hat  oft  bedauert,  daß  außerhalb  der  schwarz-weiß-roten
Pfähle  unserer  Presse  Erfolge  versagt  blieben,  auf  die  sie  nach  ihren
Leistungen  Anspruch  gehabt  hätte.  Im  Vergleich  mit  der  Beweglichkeit
  und  Anpassungssähigkeit  in  anderen  Ländern  bleibt  bei
uns  die  össentliche  Meinung  dem  Glauben  treu,  daß  es  in  politischen
  Dingen  ein  an  sich  Richtiges  gebe,  einen  sicheren  Maßstab,  in
dessen  Besitz  man  über  die  sernsten  wie  die  nächsten  Begebenheiten
und  Personen  sachgemäß  urteilen  könne.  Wir  werden  noch  länger
bei  den  schlimmen  Tatsachen  unserer  nicht  auf  die  Feindesländer
beschränkten  Unbeliebtheit  in  die  Schule  gehen  müssen,  um  auf
Kosten  dieses  Hanges  zu  abstrakter  Rechthaberei  und  zu  aufsdringlichein
  Lob  der  eigenen  Kultur  aus  dem  täglichen  Meinungsstreit
instinktmäßig  das  unseren  Interessen  Schädliche  ausscheiden  zu
lernen  und  namentlich  für  Stimmungen  und  Strömungen  um  uns
her  eine  seinere  Spürkraft  zu  erwerben.  Bülow  hat  es  sich  sauer
werden  lassen  mit  der  Eindämmung  der  deutschen  Lehrhaftigkeit,
deren  Folge  in  der  inneren  Politik  eine  überkritische  Betrachtungsart,
  in  der  auswärtigen  ein  verletzendes  Schulmeistern  gegen
andere  Länder  und  Völker  ist.  Er  hat,  so  oft  Anlaß  dazu  war,  gemahnt,
  daß,  wie  eine  Regierung,  auch  eine  für  ihr  Land  verautwortliche
  Presse  sremde  Empfindlichkciten  nicht  so  ansassen  darf,
wie  es  der  eigenen  wohlgesällig  wäre.  Freilich  konnte  er  sich  nicht
entschließen,  die  gegen  andere  Mächte  unterschiedslos  aussallenden
alldeutschen  Speere  zusammenzurafsen  und  gegen  die  eigene  Brust
zu  richten.  Damals,  zu  Ansang  seiner  Kanzlerschaft,  wäre  mit
festem  Zugreisen  noch  zu  verhindern  gewesen,  daß  das  seindliche
Ausland  später  die  Alldeutschen  als  wahre  Gardetruppe  der  kaiserlichen
  Politik  hinstellen  und  den  törichten  Uberschwang  mancher

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