Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

524  Slelien.  (Oktober  17.—25.)

wir  in  den  Rrieg  eingetreten  sind,  und  für  die  wir  bereits  soviel  Opi##r
von  der  Nation  gesordert  haben,  sind:  die  Befreiung  unserer  Brüder  und
die  Sicherheit  unserer  Unabhängigteit.  Unsere  Kriegsziele  schließen  nic
die  Zerstückelung  der  feindlichen  Staaten,  noch  eine  Aenderung  des  Regierungssystems
  im  Innern  anderer  Staaten  ein.  Die  Garamien  eines
Friedens  mussen  sich  an  erster  Stelle  in  den  Friedensbedingungen  seion
vorfinden,  soweit  sie  im  Einklang  stehen  mit  der  Gerechtigkeit  und  sowen
sie  möglichst  den  Hoffnungen  des  Volkes  entgegenkommen,  ohne  der  gerechten
  Erkenntnis  der  grundlegenden  Bedingungen  der  Freiheit  und  der
Unabhängigkeit  jedes  Staates  zu  widersprechen.  Die  Garantien  eines
Friedens,  die  durch  eine  Gesellschaft  der  Nationen  zusammengestellt  wären
und  die  Einsetzung  von  zwangsweisen  Schiedsgerichten  werden  einen  weiteren
Ueberschuß  bedemen,  der  sich  dem  normalen  Stand  der  Dinge,  welcher
durch  einen  gerechten  und  vernünftigen  Frieden  ermöglicht  ist,  hinzufüg:.
Ein  Friede  muß  aber  so  sein,  daß  er  es  wert  ist,  behütet  zu  werden.  Er
muß  den  allgemeinen  Grundlagen  der  Gerechtigkeit  und  der  Freiheit  und
der  Ehrfurcht  vor  der  menschlichen  Würde  entsprechen.  Wir  finden  in  der
Note  des  Papstes  nicht  genügende  Anzeichen  für  grundlegende  Bedingungen
eines  gerechten  und  richtigen  Friedens.  Der  Appell  an  den  versohnlichen
Geist  der  Rriegführenden  gibt  durchaus  keine  Grundlage  für  Friedensverhandlungen
  ab.  Es  genügt  nicht  zu  sagen,  daß  der  Vorteil  der  Wiederherstellung
  des  Friedens  jedes  belicbige,  nicht  wieder  gutgemachte  Unrech:
und  jede  verkannte  Sache  aufwiege,  oder  die  Bürgschaften  für  die  Daner
eines  Friedens  zu  betonen,  der  doch  nur  hinlend  und  ungerecht  wäre.

Ueber  die  besonderen  Ziele  der  Verbündeten  sagt  S.,  sie  seien  durchaus
  nicht  von  imperialistischen  Bestrebungen  eingegeben,  wie  man  kühn
behauptet  habe.  Sie  entsprächen  vielmehr  der  gerechten  und  rechimäßigen
Anwendung  der  allgemeinen  Grundsätze  der  internationalen  Gerechtigk##,
des  Rechts  und  der  Freiheit  der  Völker.  Iltalien  kämpfe  für  die  Erlangung
seiner  natürlichen  Grenzen,  für  die  Befreiung  seiner  von  Fremden  undterdrückten
  Brüder,  und  um  sich  in  der  Adria  die  notwendigen  Bedingungen
seiner  Existenz  und  seiner  Sicherheit  zu  verschaffen.  Die  Adriafrage  sei
für  Italten  wesentlicher  Kriegszweck  und  stehe  für  Italien  und  seine  Verbündeten
  außer  Erörterung.  In  Italiens  Ansprüchen  sei  nichts  Imperialistisches,
  die  Küstengestaltung  des  Adriatischen  Meeres  habe  schlimme
strategische  Folgen  für  Jr#alien,  die  unerträglich  seien.  Italien  sei  geneig:,
politische  und  wirtschaftliche  Anforderungen  der  flawischen  Völker  aus  dem
anderen  Adriaufer  rücksichtsvoll  zu  behandeln  und  ein  freundschaftliches
Zusammenleben  der  italienischen  und  der  flawischen  Rasse  zu  ermöglichen.
Italien  müsse  sich  serner  für  das  östliche  Mittelmeer  interessieren,  strebe
aber  bloß  politisch  und  wirtschaftlich  so  viel  an,  wie  die  Herstellung  des
Gleichgewichtes  und  der  Verhältnismäßigkeit  bei  der  allgemeinen  Ordnung
der  Verhältnisse  des  östlichen  Mittelmeeres  zu  Ende  des  Krieges  gestaten
werde.  Der  Minister  schließt  seine  Rede  mit  der  Mahnung  an  die  Abg.
den  höchsten  Ernst  der  Stunde  nicht  zu  übersehen  und  nichts  zu  tun,  was
den  niedergedrückten  Kriegegeist  der  autokratischen  Kaiserreiche  erheben  und
damit  den  Frieden  behindern  und  verzögern  könnte.  Das  Geheimnis  des
Sieges  bestehe  im  Ausharren  und  Widerstehen  an  der  Front  und  im  Innein.
Ueber  die  Feinde  werde  siegen,  wer  am  besten  sich  selbst  zu  besiegen  wisse.
(Lebh.  Beifall.)  Jedoch  kann  die  Rede,  ein  letzter  Versuch,  das  Ministerium
Boselli  zu  retten,  das  Mißtrauensvotum  nicht  mehr  verhindern.

Abg.  Turati  (Soz.)  begründet  bei  Einbringung  einer  besonderen
Tagesordnung  die  ablehnende  Haltung  seiner  Partei  mit  ihrer  Oppvosition
gegen  die  reaktionäre  Innenpolitik  wie  gegen  die  Kriegspolitik  des  Kabincus,