Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Sept. 3.) 239
schadet seiner Treue für den Monarchen — dessen Regierung
bekämpfen. Wer für den Kaiser ist, der ist auch für seine Regierung!
Wer die Regierung angreift, indem er deren Feinde durch seine
Stimme unterstützt, der greift auch unsern Kaiser an! Dieß sei unser
Feldgeschrei, und damit laßt uns vertrauensvoll in den Kampf ziehen gegen
die zungenfertigen Feinde des Kaisers und des Reichs!“ Die nat. lib.
Nal.-Ztg.“, die clericale „Germania“ und der conservative „Reichsbote“
protestiren übereinstimmend gegen eine solche Art der Wahlagitation. Die
halbamtliche „Provinzialcorresp.“ geht nicht so weit, sondern begnügt
sich wenigstens, die Verdienste des Reichskanzlers in den Vordergrund zu
stellen und daran die Forderung zu knüpfen, im Sinne des leitenden Staatsmannes
zu wählen, sofern nicht die schlimmsten Folgen eintreten sollen.
„Gegen das Ministerium Bismarck wählen, die Einführung der parlamentarischen
Regierung, d. h. die Einschränkung unseres Königthums und ein
Spiel des ministeriellen Kämmerchenvermiethens verlangen, heißt an dem
Frieden unseres Landes rütteln. Kein Kampf ist ohne Ziel, wenn es auch
möglich ist, daß in der Masse der Fortschrittspartei Biele das Ziel nicht
sehen, viele nicht billigen würden, welches die Führer verfolgen: Inthronisirung
der HH. Richter, v. Stauffenberg und Nickert! Würde das Ziel
erreicht, so wären die Folgen: Schwinden des Vertrauens der deutschen
Souveräue und Zwist im Innern, mißtrauisches Abwenden der großen
Nachbarreiche, Verlust aller Fühlung in der auswärtigen Politik, die Entstehung
von Feindseligkeiten, die Lähmung des Unternehmungsgeistes und
das Sinken aller Werthe.“ In diesem Bilde sind die Schalten gewiß in
kräftigen Zügen aufgetragen. Nachdem sie hierauf dargelegt, wie Fürst Bismarck
den Beschwerden der Sozialisten, welche durch das verkehrte System
der Freihändler hervorgerufen worden seien, den vernünftigen und berechtigten
Kern der Agitation entzogen, habe, fährt sie fort: „Nicht „persönliche
Neigungen," „abenteuerliche Pläne,“ „reactionäre Gelüste“ haben diese Wendung
hervorgerufen, vielwehr haben“ die schreiendsten Nothstände, die Erkenntniß
von ihren Ursachen und die von echter Vaterlandsliebe getragene
Pflicht, die Nation in gesündere und glücklichere Bahnen hineinzulenken, den
stangler veranlaßt, den Versuch einer gründlichen Heilung zu machen. Für
die Erreichung dieses Ziels ist es erforderlich, daß der Kanzler von Allen,
die noch nicht der unheilvollen Richtung und Weltanschanung der demokratischfortschritllichen
Partei verfallen sind, in der entschlossensten und uneigennützigsten
Weise unterstützt wird. Es stehen sich jeht zwei Wirthschaftssysteme
und zwei Weltanschauungen gegenüber. In diesem
Kampf ist es nothwendig Partei zu ergreifen und deutlich Stellung
zu nehmen, dann aber auch demgemäß zu handeln und sich nicht durch
untergeordnete Gesichtspuncte und Bedenken zu einer lauen
werthlosen oder schädlichen Haltung bestimmen zu lassen. Möge bei
den bevorstehenden Wahlen dieser allgemeine und höhere Standpunct von
jedem Einzelnen festgehalten und nur solchen Männern die Stimme gegeben
werden, die mit Fürst Bismarck die Nothwendigkeit einer umfassenden wirthschaftlichen
Reform anerkennen und in diesem Geiste wirken zu wollen versprechen.
Alle Unbestimmtheit und Unentschlossenheit ist vom Uebel; heute
heißt es nur: Entweder — oder." Die „Prov.-Corr.“ macht also unbedenklich
die bevorstehenden Reichstagswahlen zu einer Art Plebiscit
über die Pläne des Reichskanzlers.
3. September. (Preußen.) Die Generalversammlung der
Katholiken Schlesiens beschließt einstimmig folgende Resolution:
„Die Generalversammlung der Katholiken Schlesiens fordert die Katho-