Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Zweiundzwanzigster Jahrgang. 1881. (22)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Sept.  3.)  239

schadet  seiner  Treue  für  den  Monarchen  —  dessen  Regierung
bekämpfen.  Wer  für  den  Kaiser  ist,  der  ist  auch  für  seine  Regierung!
Wer  die  Regierung  angreift,  indem  er  deren  Feinde  durch  seine
Stimme  unterstützt,  der  greift  auch  unsern  Kaiser  an!  Dieß  sei  unser
Feldgeschrei,  und  damit  laßt  uns  vertrauensvoll  in  den  Kampf  ziehen  gegen
die  zungenfertigen  Feinde  des  Kaisers  und  des  Reichs!“  Die  nat.  lib.

Nal.-Ztg.“,  die  clericale  „Germania“  und  der  conservative  „Reichsbote“
protestiren  übereinstimmend  gegen  eine  solche  Art  der  Wahlagitation.  Die
halbamtliche  „Provinzialcorresp.“  geht  nicht  so  weit,  sondern  begnügt
sich  wenigstens,  die  Verdienste  des  Reichskanzlers  in  den  Vordergrund  zu
stellen  und  daran  die  Forderung  zu  knüpfen,  im  Sinne  des  leitenden  Staatsmannes
  zu  wählen,  sofern  nicht  die  schlimmsten  Folgen  eintreten  sollen.
„Gegen  das  Ministerium  Bismarck  wählen,  die  Einführung  der  parlamentarischen
  Regierung,  d.  h.  die  Einschränkung  unseres  Königthums  und  ein
Spiel  des  ministeriellen  Kämmerchenvermiethens  verlangen,  heißt  an  dem
Frieden  unseres  Landes  rütteln.  Kein  Kampf  ist  ohne  Ziel,  wenn  es  auch
möglich  ist,  daß  in  der  Masse  der  Fortschrittspartei  Biele  das  Ziel  nicht
sehen,  viele  nicht  billigen  würden,  welches  die  Führer  verfolgen:  Inthronisirung
  der  HH.  Richter,  v.  Stauffenberg  und  Nickert!  Würde  das  Ziel
erreicht,  so  wären  die  Folgen:  Schwinden  des  Vertrauens  der  deutschen
Souveräue  und  Zwist  im  Innern,  mißtrauisches  Abwenden  der  großen
Nachbarreiche,  Verlust  aller  Fühlung  in  der  auswärtigen  Politik,  die  Entstehung
  von  Feindseligkeiten,  die  Lähmung  des  Unternehmungsgeistes  und
das  Sinken  aller  Werthe.“  In  diesem  Bilde  sind  die  Schalten  gewiß  in
kräftigen  Zügen  aufgetragen.  Nachdem  sie  hierauf  dargelegt,  wie  Fürst  Bismarck
  den  Beschwerden  der  Sozialisten,  welche  durch  das  verkehrte  System
der  Freihändler  hervorgerufen  worden  seien,  den  vernünftigen  und  berechtigten
  Kern  der  Agitation  entzogen,  habe,  fährt  sie  fort:  „Nicht  „persönliche
Neigungen,"  „abenteuerliche  Pläne,“  „reactionäre  Gelüste“  haben  diese  Wendung
  hervorgerufen,  vielwehr  haben“  die  schreiendsten  Nothstände,  die  Erkenntniß
  von  ihren  Ursachen  und  die  von  echter  Vaterlandsliebe  getragene
Pflicht,  die  Nation  in  gesündere  und  glücklichere  Bahnen  hineinzulenken,  den
stangler  veranlaßt,  den  Versuch  einer  gründlichen  Heilung  zu  machen.  Für
die  Erreichung  dieses  Ziels  ist  es  erforderlich,  daß  der  Kanzler  von  Allen,
die  noch  nicht  der  unheilvollen  Richtung  und  Weltanschanung  der  demokratischfortschritllichen
  Partei  verfallen  sind,  in  der  entschlossensten  und  uneigennützigsten
  Weise  unterstützt  wird.  Es  stehen  sich  jeht  zwei  Wirthschaftssysteme
  und  zwei  Weltanschauungen  gegenüber.  In  diesem
Kampf  ist  es  nothwendig  Partei  zu  ergreifen  und  deutlich  Stellung
zu  nehmen,  dann  aber  auch  demgemäß  zu  handeln  und  sich  nicht  durch
untergeordnete  Gesichtspuncte  und  Bedenken  zu  einer  lauen
werthlosen  oder  schädlichen  Haltung  bestimmen  zu  lassen.  Möge  bei
den  bevorstehenden  Wahlen  dieser  allgemeine  und  höhere  Standpunct  von
jedem  Einzelnen  festgehalten  und  nur  solchen  Männern  die  Stimme  gegeben
werden,  die  mit  Fürst  Bismarck  die  Nothwendigkeit  einer  umfassenden  wirthschaftlichen
  Reform  anerkennen  und  in  diesem  Geiste  wirken  zu  wollen  versprechen.
  Alle  Unbestimmtheit  und  Unentschlossenheit  ist  vom  Uebel;  heute
heißt  es  nur:  Entweder  —  oder."  Die  „Prov.-Corr.“  macht  also  unbedenklich
  die  bevorstehenden  Reichstagswahlen  zu  einer  Art  Plebiscit
  über  die  Pläne  des  Reichskanzlers.

3.  September.  (Preußen.)  Die  Generalversammlung  der
Katholiken  Schlesiens  beschließt  einstimmig  folgende  Resolution:
„Die  Generalversammlung  der  Katholiken  Schlesiens  fordert  die  Katho-