Full text : Der Fehlspruch von Versailles.

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für  den  europäischen  Frieden  lag  darin,  daß  im  Falle  eines  für  die  Serben
siegreichen  Ausganges  des  um  die  Teilung  der  türkischen  Beute  entbrennenden
  neuen  Balkankrieges  unbedingt  mit  einem  Einschreiten
Österreich-Ungarns  gerechnet  werden  mußte.

Beyens’  Bericht  vom  12.  Juni!)  zeigt  deutlich,  daß  auch  er  die  Unnachgiebigkeit
  Serbiens  auf  den  Rückhalt  zurückführt,  den  das  dem  Meere
zustrebende  kleine  Königreich  dauernd  an  Rußland  zu  haben  glaubt.
Wieder  tritt  die  bedeutsame  Rolle  des  russischen  Gesandten,  v.  Hartwig,
in  Belgrad  hervor.  Serbien  hofft  im  Falle  eines  neuen  Krieges  auf  den
Sieg,  es  zählt  auf  Unterstützung  durch  die  russische  Politik.  Die  Sprache
des  serbischen  Geschäftsträgers  in  Berlin  beweist  nach  Beyens’  Ansicht
die  Doppelzüngigkeit  der  russischen  Politik:  Sazonoff  sei  aufrichtig  dem
Frieden  ergeben,  die  russischen  Agenten  auf  dem  Balkan  aber  suchten
im  Sinne  einer  ganz  anderen  Politik  zu  wirken.  Für  sie,  die  Panslawisten
und  gewisse  Mitglieder  der  Zarenfamilie,  sei  das  Wesentlichste,  ‚um
jeden  Preis  eine  Annäherung  Serbiensan  Österreich-Ungarn
  zu  verhindern  und  Serbiensostark
zumachen,  daßeseines  Tagesdievonder  Doppelmonarchiein
  Besitzgenommenen  serbischen  Provinzenzurückzunehmen
  vermag”).  Die  große  Schwierigkeit
  einer  Befriedigung  der  serbischen  Ansprüche  erkennt  Beyens  an:
an  der  Adria  kann  es  keinen  Hafen  gewinnen,  und  der  Zugang  zum
Ägäischen  Meere  bleibt  ihm  verschlossen,  solange  die  Bulgaren  den  Weg
auf  Saloniki  versperren.  Während  Serbien  und  Bulgarien  anscheinend
vor  einem  neuen  Kriege  stehen,  wartet  Rumänien  im  Hintergrunde,
um  seine  Kompensationsforderungen  im  möglichst  günstigen  Zeitpunkte
durchzusetzen.  Auch  hierin  liegt  eine  neue  Gefährdung  der  Lage.  Rußland
  bedient  sich  Rumäniens  als  eines  Druckmittels,  um  auf  Bulgarien
zu  wirken.  In  Berlin,  meint  Beyens,  steht  man  den  Balkanwirren  verhältnismäßig
  gleichgültig  gegenüber.  ‚Mögen  sie  sich  erdrosseln,  das
geht  uns  nichts  an.“  Auch  in  Frankreich  würde  man  wohl  ähnlich  denken,
hätte  nicht  Rußland  in  diesem  Handel  soviel  an  Ansehen  zu  verlieren
und  bestände  nicht  ein  so  großes  Interesse  französischen  Kapitals  an
serbischen  und  bulgarischen  Papieren.

In  Paris  wurde  gerade  eben  die  Last  der  Öffentlichen  Ausgaben
durch  das  Gesetz  über  die  dreijährige  Dienstzeit
noch  weiter  gesteigert.  Im  Juni  teilten  die  französischen  Zeitungen  mit,
daß  das  neue  Militärgesetz  noch  vor  den  Parlamentsferien  durchberaten
werden  solle.  ‚Es  steht  also  nunmehr  fest,‘  berichtet  Baron  Guillaume
am  12.  Juni  aus  Paris’),  „daß  in  die  französische  Gesetzgebung  Bestimmungen
  aufgenommen  werden  sollen,  die  das  Land  wahrscheinlich  nicht
lange  ertragen  kann.  Die  LastendesneuenGesetzeswerden
  für  dieBevölkerungsoschwer,die  Ausgaben,

1)  Bd.  IV,  S.  151  ff.
2)  Vom  Verfasser  hervorgehoben.
®)  Belgische  Aktenstücke,  Nr.  107  und  Bd.  IV,  S.  153/154.

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