eignet, über den weiteren Gang der Dinge zu berichten, als der belgische
Gesandte in London, Baron Solvyns, der hierzu vom belgischen Außenminister,
Fürsten v. Chimay, am 18. Oktober 1886 ausdrücklich angewiesen
wurde. Auch über die Mission des Generals Kaulbars in Bulgarien
sollte er sich äußern!).
Solvyns entsprach der ihm gewordenen Aufforderung sofort und
berichtete am 20. Oktober über die Gesamtlage vom englischen Standpunkte
aus?). Er betonte bei der Übermittlung seiner ‚aus bester Quelle
geschöpften‘“ Anschauungen, daß sie nicht mit den von anderen Seiten
berichteten übereinstimmen dürften. Für uns ist hierbei bemerkenswert, -
daß Fürst Bismarck hier einer falschen Einstellung seiner Politik Frankreich
gegenüber während der Kongo-Konferenzen geziehen wird. Damals
habe er sich zu der Annahme berechtigt geglaubt, Frankreich werde das
Ergebnis des Krieges von 1870 als eine unabänderliche Tatsache hinnehmen
und nicht nur auf den Revanchegedanken verzichten, sondern sich sogar
zu einer Einigung mit Deutschland auf dem Gebiete der Grenzfragen und
der kolonialen Erwerbungen bereit finden lassen. ‚Er erkannte indes
bald seinen Irrtum, warf das Steuer herum und dachte nun nur noch
daran, die Entente zwischen den drei Kaiserreichen noch enger zu knüpfen.
Seitdem ist die Aufrechterhaltung dieser Entente seine hauptsächliche
Beschäftigung gewesen, und unaufhörlich hat er daran gearbeitet, sie
durch Beilegung der Schwierigkeiten zu befestigen, die bei jedem Anlasse
die Orientfrage zwischen seinen beiden Verbündeten hervorrief. Wird
es ihm glücken, dieses Gleichgewicht noch lange aufrechtzuerhalten?
In Petersburg, Wien und Rom gibt man sich den Anschein, davon überzeugt
zu sein;in London glaubt man nicht daran.‘ Zurzeit beobachteten
alle englischen Botschafter auf das sorgfältigste die russisch-österreichischen
Beziehungen. ‚Wenn die Aufrechterhaltung der Entente zwischen
den drei Kaiserreichen für unmöglich gehalten würde‘, meint der Gewährsmann
des Barons Solvyns, „vielleicht werden wir dann den Fürsten Bismarck
selber die Aufteilung des ottomanischen Reiches vorschlagen
sehen; dann würde man nicht allein Rußland und Österreich, sondern
auch Frankreich, Italien und selbst England zu diesem Teilungswerke
einladen.“
Auch in Wien beobachtete man die Gefahr eines französisch-russischen
Zusammenschlusses mit Aufmerksamkeit. ‚Mit Besorgnis‘, so meldet
Graf de Jonghe d’Ardoye am 25. Oktober 1886°), „sieht Österreich-Ungarn
die Zukunft seiner ernstesten Interessen im Orient gefährdet, ohne sie
verteidigen zu können, da es genötigt ist, sein enges Bündnis mit Deutschland
aufrechtzuerhalten, das seinerseits Rußland freie Hand lassen muß,
um eine französisch-russische Allianz zu verhindern. Es muß zwischen
den Klippen lavieren und kann es nicht unternehmen, allein mit der nötigen
Entschiedenheit und Energie zu handeln, die den Vormarsch Rußlands
1) Bd. V, S. 151/132.
2) Bd. V, S. 152/153.
s) Bd. V, S. 153 ft.
If