Full text : Der Fehlspruch von Versailles.

das  mit  der  politischen  Teilung  Europas  zufrieden
  war.  Die  neue  Gruppierung  bedroht  ihn,
weil  sie  aus  Mächten  besteht,  die  eine  Revision
des  Status  quo  anstreben,  und  zwar  in  so  hohem
Grade,  daß  sie  Gefühle  jahrhundertelangen
HasseszumSchweigengebrachthaben,  um  diesen
Wunsch  verwirklichen  zu  können‘).

Die  Revaler  Zusammenkunft  des  Zaren  mit  dem  Könige  von  England
im  Juni  erschien  dem  gewiegten  Diplomaten  keineswegs  als  so  sehr  zur
Festigung  des  Weltfriedens  geeignet,  wie  es  die  offiziöse  Presse  glauben
machen  wollte.  „Die  wahren  Gedanken  der  Mächte,  die  England  so
gruppiert  hat,  daß  Deutschland  allein  steht,  finden  sich  weder  in  den  Reden
der  Herrscher,  noch  in  den  Artikeln  der  halbamtlichen  oder  beeinflußten
Zeitungen.  Ihre  wirklichen  Absichten  sind  von  der  Sprache,  die  sie
führen,  so  weit  entfernt,  daß  sie  es  nicht  vermeiden  können,  sie  durch
Unvorsichtigkeiten  zu  verraten.  Will  man  sie  kennen  lernen,  so  braucht
man  nur  die  Ermahnung  zu  lesen,  die  der  „Iemps‘‘  an  den  König  von
Schweden  gerichtet  hat.  Das  Pariser  Blatt  betrachtet  die  freundschaftlichen
  Gefühle,  die  Seine  Majestät  für  Deutschland  geäußert  hat,  als  eine
auf  Frankreich  zurückwirkende  Beleidigung  für  Rußland.  Es  wäre  vermessen,
  wollte  man  aus  dem  zwischen  Frankreich,  England  und  Rußland
bestehenden  Mißtrauen  schließen,  daß  der  neue  Dreibund  sich  nicht  verwirklichen
  wird.  Die  drei  Mächte  werden  durch  den  gemeinsamen  Haß
gegen  Deutschland  geeint  und  können  (darin)  wirkliche  oder  eingebildete
Bürgschaften  gegen  die  Gefahr  finden,  für  fremde  Interessen  in  einen
Krieg  verwickelt  zu  werden‘).

Etwas  später  besichtigte  der  deutsche  Kaiser  in  Döberitz  die  Garde-Kavallerie-Division
  und  betonte  in  einem  auf  die  Einkreisung  Deutschlands
  hinweisenden  Trinkspruche,  niemals  habe  sich  der  Deutsche  besser
geschlagen,  als  wenn  er  sich  nach  allen  Seiten  habe  wehren  müssen.
Greindl  weist  auch  bei  diesem  Anlasse  auf  den  ruhigen,  abwartenden
Grundzug  der  deutschen  Politik  hin?).  Die  Reise  des  französischen  Präsidenten
  Fallieres  nach  Dänemark,  Schweden,  Norwegen  und  Rußland  löst
dagegen  belgischerseits  in  Paris  die  Erwägung  aus,  offenbar  wolle  man
die  nordischen  Staaten  dem  deutschen  Einflusse  entziehen  ;  noch  könne
man  vielleicht  nicht  von  einem  neuen  Dreibunde  Frankreich,  Rußland,
England  sprechen,  auch  sei  wohl  Frankreichs  Politik  noch  von  friedlichen
Gedankengängen  erfüllt:  aber  man  müsse  sich  doch  fragen,  ob  Frankreich
im  Schlepptau  Englands  immer  die  Ereignisse  werde  meistern  können?).

Der  Besuch  Eduards  VII.  beim  deutschen  Kaiser  in  Kronberg  im
August  schafft  eine  vorübergehende  Besserung  der  internationalen  Beziehungen,
  an  die  auch  Greindl  zunächst  glaubt?);  der  Wiener  Gesandte

ı)  Vom  Verfasser  hervorgehoben.

2)  Berlin,  12.  Juni  1908;  Belgische  Aktenstücke,  Nr.  48.

?)  Berlin,  16.  Juni  1908,  Bd.  III,  S.  80/81.

+)  Paris,  20.  Juli  1908,  Bd.  III,  S.  88/89  und  Belgische  Aktenstücke,  Nr.  51.
d)  Berlin,  14.  August  1908,  Bd.  III,  S.  90/91.

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