Full text : Sozialdemokratie, Christentum, Materialismus und der Krieg.

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welche  weder  geschaffen  wird  noch  schafft.  Da  die  Philosophie  des
Erigena  für  die  Folge  nicht  von  weitgehender  Bedeutung  geworden  ist,
so  soll  sie  hier  nicht  weiter  erörtert  werden,  um  so  mehr  haben  wir  uns
aber  mit  derjenigen  eines  späteren  Scholastikers,  nämlich  mit  der  des
Thomas  von  Aquino  zu  beschäftigen.

Durch  Thomas  von  Aquino  hat  die  Scholastik  ihren  Höhepunkt
und  auch  ihre  große  Bedeutung  für  die  Zukunft  erlangt.  Trotzdem
kann  nicht  verkannt  werden,  daß  Thomas,  der  sich  den  philosophischen
Anmaßungen  der  Kirche  vollständig  angepaßt  hat,  doch  der  Bildung
seines  Jahrhunderts  entsprechend  in  genialer  Weise  eine  Lösung  der
metaphysischen  Probleme  versucht  hat.  Thomas  hat  dabei  die  Grenzen
des  philosophischen  Wissens  und  des  christlichen  Glaubens  derart  gezogen,
  daß  beides  sich  gegenseitig  nicht  in  Widersprüche  verwickelt,  sondern
  sich  vorteilhaft  im  Sinne  der  Kirche  ergänzt.  Er  hat  dadurch  die
Philosophie  des  Christentums  in  einer  Weise  zum  Abschluß  gebracht,
daß  sie  den  wissenschaftlich  nicht  hochgeschraubten  Anforderungen  des
Katholizismus  noch  heute  genügt.  Diese  Bedeutung  mag  es  verursacht
haben,  daß  der  heilige  Thomas  von  seinen  Gegnern  heute  noch  um  so
mehr  verächtlich  als  Scholastiker  verdächtigt  wird,  je  weniger  seine
Philosophie  bekannt  ist.  ç  —

Thomas  von  Aquino.

Thomas  von  Aquino,  der  ein  Schüler  von  Albertus  Magnus
war,  unterschied  gleich  diesem  zwei  Arten  von  Wahrheiten  und  Quellen
ihrer  Erkenntnis  und  zwar  natürliche  und  übernatürliche,  von  diesen
entstammen  die  ersteren  der  Vernunfterkenntnis.  Die  übernatürlichen
sind  aber  diejenigen,  die  der  direkten  göttlichen  Offenbarung  entstammen,
  dazu  gehören  insbesondere  die  spezifisch  christlichen  Glaubenswahrheiten,
  wie  die  Dreieinigkeit  Gottes.  Diese  letztere  entzieht  sich
der  Vernunfterkenntnis  insofern,  als  sie  nur  von  der  Schöpfung  auf
den  Schöpfer  und  seine  Beschaffenheit  schließen  kann  und  zwar  in  dem
Sinne,  daß  Gott  das  Prinzip  aller  Wesen  ist.  In  der  Schöpfung  dokumentiert
  sich  das  Wesen  Gottes  in  seiner  Dreieinigkeit  nur  als  schöpferische
  Einheit,  die  als  solche  nur  unserer  Vernunft  zugänglich  ist,  während
  die  Dreieinigkeit  eine  Glaubenssache  ist,  die  uns  direkt  im  neuen
Testament  geoffenbart  wird.  Zu  den  übernatürlichen  Wahrheiten  gehört
  ferner  die  Lehre  von  der  Menschwerdung  des  göttlichen  Logos,
die  von  der  Erbsünde  und  der  Erlösung  durch  den  Tod  Christi,  die  von
den  Sakramenten,  von  der  Auferstehung  der  Toten,  vom  Weltgericht,
vom  Fegefeuer  und  von  der  ewigen  Seligkeit  oder  Verdammnis.
Schließlich  gehört  nach  Thomas  noch  die  Lehre  von  dem  Angefangen-