Full text : Kronprinz Wilhelm. Meine Erinnerungen aus Deutschlands Heldenkampf.

der  Wiederaufnahme  der  Offensive  geben  würde.  Wie  zur  Zeit,  im  Winter
1914/15,  die  Lage  der  Westfront  war,  verbot  sich  die  Verwirklichung
unseres  Vorschlages.  Ich  entsinne  mich  auch  nicht,  daß  General  v.  Falken—
hayn  damals  zu  ihm  schrlftlich  Stellung  genommen  hat.  —

Das  erste  Weihnachtsfest  im  Feldel  Es  brachte  unseren  treuen
Kämpfern  eine  geradezu  überschwengliche  Stelgerung  der  Liebesgaben  aus
der  dankbaren,  mitfühlenden  Zeimat.  Unzählige  Feldpostbrlefe  voll  rührender
Gedanken  schlugen  eine  feste  Brücke  zwischen  den  Welhnachtsfeiern  in  den
Unterständen  und  Hütten  und  den  schöneren  bei  den  Lieben  daheim.  Der
Wettergott  meinte  es  gut  mit  uns.  Nach  Wochen  scheußlichen  Regens
bahnte  winterlicher  Frost  über  den  unendllchen  Frontschlainm  reinltiche
Wege  zu  den  benachbarten  Kameraden  in  den  Gräben.

Mir  wird  das  erste  Welhnachtefest  un  Kriege  stets  unvergeßlich  sein.
Für  uns  Deutsche  ist  nun  einmal  das  heilige  Thristfest  der  schönste  Tag
im  Jahr,  wo  auch  der  härteste  Mann  weich  wird  im  Gedenben  an  eigene
Rindheit,  Daterhaue  und  Familie.  So  zog  es  mich  denn  gerade  an  diesem
Tage  besonders  stark  zu  meinen  Feldgrauen,  und  ich  lenkte  mein  Auto  nach
den  Argonnen.  Im  Züttenlager  der  Württemberger,  bei  den  Regimentern  120
und  124,  verbrachte  ich  den  Machmittag.  Tiefer  Schnee  lag  auf  den  Kuppen
dieses  Totenwaldes.  Die  Granaten  beulten  ihre  elntönige  gehässige  Melodle,
von  Zeit  zu  Zeit  zerrlb  eln  Maschinengewehr-Feuerüberfall  dle  beilige  Stille.
Dumpf  dröhnten  dazwischen  die  schweren  Mrineneinschläge.  Und  dennoch
frohe  Stimmung  überall.  Jeder  Unterstand  hatte  sein  Kichterbäumchen,
und  von  überall  her  klangen  aus  rauhen  Männerkehlen  unsere  herrlichen
alten  Wethnachtelieder.

Der  Rammersänger  Rirchhoff,  der  eine  Zeitlang  im  Stabe  des  Oberkommandos
  als  Ordonnanzoffizier  kommandiert  war,  hat  am  selbigen
heillgen  Abend  im  vordersten  Graben  dee  Regiments  130  seine  Weihnachtslieder
  gesungen.  Er  berichtete  mir  nächsten  Tages,  daß  einzelne  Franzosen
auf  lhre  Brustwehren  geklettert  wären  und  so  lange  Beifall  geblatscht
hätten,  bis  er  noch  eine  Zugabe  binzufügte.  Sier  hatte  das  Weihnachtslied
  mitten  im  bitteren  Erust  des  heimtückischen  Grabenkrieges  ein  Wunder
gewirkt  und  von  Mensch  zu  Mensch  eine  Brücke  gesehlagen.

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