92 8. Absichten der inneren Politik.
Der Ihnen alsbald zugehende Entwurf, betreffend Anderung des
Gerichtsverfassungsgesetzes bezweckt in erster Linie, das
Verfahren vor den Amtsgerichten zu vereinfachen und zu beschleunigen und
die sachliche Zuständigkeit der Amtsgerichte zu erweitern.
Nachdem das preußische Staatsministerium bereits im März dieses
Jahres zu den grundlegenden Fragen der Strafprozeßreform
Stellung genommen hat, sind vom Reichsjustizamte mehrere Vorschläge
für die Gestaltung des Prozesverfahrens den Justizverwaltungen der größeren
Bundesstaaten mitgeteilt und mit Vertretern dieser Staaten mündlich besprochen
worden. Auf Grund dieser Besprechungen wird im Reichsjustizamt der
Entwurf zu einer neuen Prozeßordnung aufgestellt, dessen Vollendung
noch in diesem Jahre zu erwarten ist. Dann wird das Staatsministerium
und später der Bundesrat zu der Reform — es handelt sich um ein Werk
von mehr als 500 Paragraphen — Stellung nehmen. Auch die Arbeiten
zur Reform des Strafrechts sind im Gange. Ich habe keine Gelegenheit
versäumt, um auch meinerseits für eine Beschleunigung zu sorgen. Hier
bietet sich ein weites Feld, auf dem die Vertreter aller Parteien ohne Unterschied
der Fraktionen zusammenwirken können.
Was die den Mehrheitsparteien gestellten Aufgaben betrifft, so erfordern
dieselben gewiß auf beiden Seiten einen gewissen Grad von Entsagung.
Solche Entsagung hat aber jede Partei zu üben, die praktische Politik nicht
allein, sondern in Verbindung mit anderen zu treiben hat. Die Blockpolitik
verlangt von ihren Teilnehmern Rücksicht und Vertrauen, sie verlangt —
ich wiederhole dies — keine beiderseitige Aufgabe von Prinzipien. Die
Blockpolitik verlangt auf der einen Seite den Verzicht auf etwaige reaktionäre
Anwandlungen, die mit konservativen Prinzipien nichts zu tun haben.
Sie verlangt auf der anderen Seite das Abkappen jener Blüten des Asphaltliberalismus,
die in den Strahlen der sozialdemokratischen Sonne gedeihen
(Heiterkeit),
in dieser ungesunden Hitze aber bald verdorreu. In der einen wie in der
anderen Richtung bin ich ohne Sorge. Ich glaube, daß solche Velleitäten
gegenüber den praktischen Aufgaben des Tages nicht standhalten werden,
es sei denn, daß alle Lehren der Geschichte vergebens sind, daß die Söhne
immer wieder die Fehler und Dummheiten wiederholen müssen, die die Väter
begangen haben.
(Heiterkeit.)
Ich will Ihnen die Geschichte unserer eigenen Parteien nicht vorführen. Sie
kennen sie mindestens ebensogut wie ich und haben die Beispiele bei der Hand.