Horez, Privatlektüre. 291
was in der Klasse interpretiert werden konnte, genügen ließ, galt als banausisch
und wurde auch von seinen Kameraden verachtet. Beim Abgange von der
Schule ließ man auch wohl eine größere, lateinisch geschriebene Arbeit zurück,
die von dem, was man außer dem Obligatorischen noch getrieben hatte, Zeugnis
ablegen sollte. Die heutigen Schulverhältnisse sind der altsprachlichen
Privatlektüre nicht günstig, trotzdem immer wieder gesagt wird, daB dem
Schüler für Privatbeschäftigungen im Interesse seiner Selbstentfaltung Zeit gelassen
werden müsse. Der Fächer, die sich seinen Geist heute streitig machen,
sind eben sehr viele. Kann man sich auch wundern, daß er sich, wenn ihm
einige freie Stunden bleiben, in erster Linie den Gebieten zuwendet, die heute
im Vordergrunde des öffentlichen Interesses stehen? Dazu, kommt der verlockende
Reichtum der modernen Literaturen. Von altsprachlicher Privatlektüre
ist demgemäß nur wenig noch die Rede. „Zur Privatlektüre,“ heißt es in den
preußischen Lehrplänen, „namentlich auch aus den in den früheren Klassen gelesenen
Schriftstellern, ist anzuregen und anzuleiten; sie ist aber nicht als verbindlich
zu fordern.“ Ähnlich die Lehrpläne des Großherzogtums Baden: „Wo
sich junge Leute aus freier Neigung eingehender mit literarischen Werken des
Altertums beschäftigen, wird dies gern gesehen und in jeder Weise unterstützt;
ein Zwang aber soll in dieser Richtung nicht geübt werden.“ In Bayern wird
vorgeschrieben, daß zur freiwilligen Privatlektüre Anleitung zu geben sei. Nur
in den Lehrplänen des Königreichs Sachsen wird in nachdrücklichen Worten
die Privatlektüre gefordert: „Neben der Klassenlektüre hat von Obertertia an
eine geordnete Privatlektüre im Lateinischen herzugehen .... Wünschenswert
ist, daß der Unterricht in allen wissenschaftlichen Fächern durch Privatlektüre
der Schüler ergänzt wird. Bei Einrichtung von Schülerbibliotheken ist daher
auf Anschaffung gediegener Bücher für alle Unterrichtszweige Bedacht zu
nehmen. Unentbehrlich ist eine von der Schule geleitete regelmäßige Privatlektüre
für den Unterricht im Deutschen, desgleichen von Obertertia aufwärts
in den alten Sprachen, wenn die gesteckten Ziele erreicht werden sollen. Den
Schülern der Obertertien und der Sekunden sind bezüglich der altklassischen
Privatlektüre bestimmte Anweisungen zu geben, während in den Primen unter
Umständen die Wahl des zu Lesenden freigegeben werden kann.“ Auch sind
an manchen Anstalten Sachsens sogenannte Studiertage eingerichtet, um den
Schülern die zur Privatlektüre nötige Zeit zu verschaffen. Leider werden allerorten
die Schüler jetzt immer seltener, die außer den in der Klasse übersetzten
Schriften noch andere, auf welche bei der Interpretation hingewiesen ist, privatim
lesen oder bei der jetzigen Verbreiterung des ganzen Unterrichtes dazu die
Zeit übrig behalten.
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