Full text : Lehrbuch der Geburtshülfe für die Preußischen Hebammen.

—  66  —

flusse  des  Fruchtwassers  und  in  der  Austreibungszeit,  und  steigern
sich  in  dem  Maaße,  als  es  der  Gebärmutter  gelingt,  sich  ihres  Inhalts
  zu  entledigen.  Je  mehr  Fruchtwasser  daher  nach  dem  Blasensprunge
  in  der  Gebärmutter  zurückgehalten  wird,  um  so  günstiger  ist
es  für  das  Kind.  Am  Schlusse  der  Austreibungszeit  aber,  wo  der
Kopf  und  selbst  schon  ein  Theil  des  Rumpfes  die  Gebärmutter  verlassen
  haben,  wo  die  verstärkten  Wehen  immer  rascher  sich  folgen,  und
gewöhnlich  auch  schon  ein  Theil  des  Mutierkuchens  von  der  Gebärmutter
  abgetrennt  ist,  muß  jedenfalls  das  Athembedürfniß  des  Kindes
sehr  schnell  wachsen.  Daher  pflegt  die  erste  Bewegung  des  aus  den
Geburtstheilen  hervorgetretenen  Kindes  eine  von  einem  Schrei  gefolgte
kräftige  Einathmung  zu  sein;  ja  ösfters  kann  man,  wenn  nur  der
Kopf  geboren  ist,  schon  am  Gesichte  des  Kindes  Athembewegungen
wahrnehmen.  Die  Nabelschnur  klopft  gleich  nach  der  Geburt  des
Kindes  gewöhnlich  noch  lebhaft  bis  in  die  Scheide  hinein,  doch  findet
ein  wirklicher  Kreislauf  des  Blutes  in  dem  zusammengedrückten  Mutterkuchen
  nicht  mehr  statt.  Wohl  aber  wird  während  der  ersten  Minuten
  noch  ein  Theil  der  in  ihm  enthaltenen  Blutmenge  durch  die
Gebärmutter  in  die  Nabelblutader  ausgepreßt  und  auf  diese  Weise
in  den  Körper  des  Kindes  übergetrieben.  Je  mehr  durch  das  A#lhmen
  die  Lungen  des  Kindes  sich  mit  Luft  füllen,  um  so  schwächer
wird  der  Puls  in  der  Nabelschnur  und  auf  immer  kleinere  Entfernung
  vom  Nabel  fühlbar,  bis  er  eudlich  ganz  verschwindet,  weil  mit
dem  Eintritte  der  Athmung  das  kindliche  Blut  andere  Wege  im  Körper
  einschlägt  und  jetzt  in  größerer  Menge  den  bis  dahin  unthärigen
Lungen  durch  die  Lungenschlagadern  zuströmt.

g.  87.

Die  Dauer  der  Geburt  ist  sehr  verschieden,  je  nach  der  Stärke
der  Wehen,  der  Weite  des  Beckens,  der  Nachgiebigkeit  der  weichen
Geburtstheile,  der  Größe  des  Kindes.  Bei  Erstgebärenden  währt  die
Geburt  in  der  Regel  länger,  als  bei  Mehrgebärenden.  Die  durchschninliche
  Dauer  der  Geburt  bei  weitem  Becken  beträgt  12  bis  15
Stunden,  wovon  11  bis  14  auf  die  Eröffnungszeit,  1  bis  2  auf
die  Austreibungszeit  kommen.  Im  einzelnen  Falle  kann  jedoch  die