Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Neunter Jahrgang. 1893. (34)

Das  Veutsche  Reich  und  seine  einzeluen  Glieder.  (Juli  20.—21.)  95

Kronprinzen  und  der  Kronprinzessin  von  Schweden  einen  Besuch
ab,  wohin  sich  auch  König  Oskar  von  Schweden  begibt.

20.  Juli.  Stichwahl  im  Wahlkreise  Neu-Stettin  (für  den
doppelt  gewählten  Ahlwardt,  der  in  Arnswalde  angenommen).  Es
erhielten:  Professor  Dr.  Paul  Förster  6518  (Antisemit,  Anhänger
Ahlwardts),  Hofprediger  a.  D.  Adolf  Stöcker  1906  Stimmen.

20.  Juli.  Rückreise  des  Kaiserpaares  über  Rügen.

21.  Juli.  Gegen  1000  Braunschweiger  machen  eine  Huldigungsfahrt
  nach  Friedrichsruh.  Der  Fürst  hält  folgende  Rede:

„Meine  Herren  und  Damen!  Ich  danke  Ihnen  herzlich  für  die
große  Ehre  und  das  Wohlwollen,  welches  Sie  mir  erzeigen  durch  Ihren
Besuch  hier  und  welchem  in  so  beredten  Worten  der  Herr  Redner  (Justizrat
Dr.  Semler)  Ausdruck  gegeben  hat.  Mir  ist  die  Begrüßung  von  seiten  des
Braunschweigischen  Landes  in  meiner  Eigenschaft  als  Altmärker  noch  besonders
  wertvoll.  Als  Nachbarkinder  sprechen  wir  in  der  Heimat  dasselbe
braunschweigische  Platt,  bei  dessen  Tönen  ich  an  der  Elbe  geboren  bin,  und
diese  Namensverwandtschaft  und  Nachbarschaft  macht  mir  den  Ausdruck
Ihrer  Sympathie  besonders  wert.

Es  ist  Ihnen  bekannt,  von  wie  vielen  Seiten  ich  im  letzten  Jahre
aus  allen  Gegenden  des  Deutschen  Reichs  Kundgebungen  des  Wohlwollens
und  der  Anerkennung  erhalten  habe,  im  vorigen  Jahre  aus  dem  Süden
und  Westen  des  Reiches,  in  diesem  Jahre  vom  Norden,  von  Schleswig,
Oldenburg  bis  Mecklenburg,  und  ich  kann  wohl  sagen  aus  allen  Bundesstaaten,
  mit  alleiniger  Ausnahme  desjenigen,  dem  meine  engere  Heimat  angehört.
  Es  ist  das  eine  eigentümliche  Erscheinung,  und  wenn  ich  in  den
Kundgebungen  des  Wohlwollens  für  meine  Person  die  Anerkennung  für
meine  politische  Wirksamkeit  und  für  das  Ergebnis  derselben,  nämlich  für
die  heute  vorhandene  Einheit  des  Deutschen  Reichs  erblicken  kann,  so  möchte
ich  daraus  nicht  den  Schluß  ziehen,  daß  in  Preußen  nun  die  nationale
Begeisterung,  das  Gefühl  der  Zugehörigkeit  zum  gesamten  Deutschland  minder
lebhaft  wäre,  wie  in  den  außerpreußischen  Bundesstaaten.  Es  liegt  das  in
der  Eigentümlichkeit  und  in  der  politischen  Erziehung  meiner  engeren  Landsleute.
  Sie  sind,  möchte  ich  sagen,  viele  Generationen  hindurch  ministeriell
geschult  und  entfernen  sich  ungern  von  der  von  obenher  vorgeschriebenen
Linie  (Heiterkeit,  bravo).  Es  war  dies  früher,  zur  Zeit,  wo  ich  an  der
Spitze  der  politischen  Leitung  stand,  nicht  in  dem  Maße  der  Fall.  Ich
habe  scharfe  Opposition  gefunden,  namentlich  von  meinen  engeren  Landsleuten
  und  von  der  konservativen  Partei,  aus  der  ich  hervorgegangen  bin,
der  ich  angehört  habe,  soweit  es  mir  die  nationale  Entwicklung  gestattete;
ich  habe  als  Ministerpräsident  in  Preußen  zu  Zeiten  sehr  viel  schärfere
und  rückhaltlosere  Opposition  gehabt,  wie  sie  heutzutage  von  der  Seite  kaum
jemals  versucht  worden  ist.

Ich  will  den  Gründen  davon  nicht  weiter  nachsuchen,  als  ich  schon
vorher  im  Hinblick  auf  Preußens  Vorgeschichte  andeutete,  aber  ich  will  doch
noch  eins  anführen:  Zur  Zeit  des  alten  Kurses  sah  man  keine  Gefahr
darin,  Opposition  zu  machen;  man  hatte  das  feste  Vertrauen,  daß  auch
durch  die  schärfste  Opposition  der  Bestand  des  Reiches  und  des  Königreichs
Preußen  nicht  gefährdet  werden  würde,  weil  das  Steuer  in  den  festen  sicheren
Händen  des  Königs  Wilhelm  lI.  und  seines  Ministeriums  ruhte.  (Lebhafter
  Beifall.)  Dieser  Glaube  an  die  Festigkeit  der  Situation  ist  heute