Metadata : Von Potsdam nach Doorn.

Nachdem  er  sie  erkannt  und  erprobt  hatte,  ließ  er  sie  auf  den  Gebieten  ihrer
amtlichen  Tätigkeit  gewähren.  Entstanden  zwischen  den  beiden  Männern
Schwierigkeiten  durch  Meinungsverschiedenheiten,  wie  zum  Beispiel  während
  der  beiden  Kriege  1866  und  1870/71,  so  sorgte  die  unparteiliche  Autorität
  Wilhelms  I.  dafür,  daß  die  Einheit  des  Handelns  zum  gemeinsamen  Ziel
gewahrt  blieb,  auf  dem  politischen  Gebiet  wie  auf  dem  militärischen.

Sein  Enkel  vermochte  das  nicht.  Während  der  Amtsführung  des  Fürsten
Bülow  war  es,  vermöge  dessen  Geschmeidigkeit,  nicht  zu  Zwiespältigkeiten
in  großen  politischen  und  militärischen  Fragen  gekommen,  besonders  nicht
in  dem  Hauptproblem:  die  von  Tirpitz  vertretene  und  gesetzlich  festgelegte
  Flottenbaupolitik  durchzuführen,  ohne  daß  sie  durch  außenpolitische
Ereignisse  gehemmt,  noch  gestört  wurde.  Wir  erwähnten  in  dem  Kapitel
über  den  deutschen  Flottenbau,  daß  dieser  selbstverständlich  für  die  Führung
  der  deutschen  Außenpolitik  ein  Mehr  an  Schwierigkeiten  bedeutete.
Diese  Schwierigkeiten  mußten  übernommen  und  überwunden  werden,  sobald
  das  Ziel  festgelegt  worden  war.  Das  war  um  die  Jahrhundertwende  geschehen.
  Von  Anfang  an  war  offenbar,  daß,  je  weiter  der  Flottenbau  vorschritt,
  desto  mehr  die  Tatsache  des  zunehmenden  neuen  deutschen  Machtfaktors
  zur  See  außenpolitische  Wirkungen  hervorrufen  mußte,  und  daß
diese  Wirkungen  um  so  mehr  Schwierigkeiten  hervorrufen  würden,  je  weniger
sie  vorausberechnet  worden  waren.  Sie  zu  mindern,  ihnen  richtig  zu  begegnen,
  erforderte  ein  einheitliches  und  verständnisvolles  Zusammenarbeiten
der  einschlägigen  Faktoren  der  Regierung.

Der  gesetzlich  festgelegte  Flottenbauplan  wurde  programmgemäß  Jahr
für  Jahr  regelmäßig  und  pünktlich  gefördert.  An  seiner  Durchführung  nahm
der  Kaiser  höchstes  Interesse  und  sah  sich  schon  als  Schöpfer  einer  großen
deutschen  Flotte  und  deutscher  Weltmacht  in  den  Annalen  einer  zukünftigen
  Geschichte  aufgezeichnet.  Ihm  war  bekannt,  daß  im  Auswärtigen  Amt
von  Jahr  zu  Jahr  stärker  —  bis  zu  seinem  Rücktritt  war  der  Geheimrat  von
Holstein  der  Mittelpunkt  —  der  Flottenplan  bekämpft  wurde,  während  Bülow
  mit  seinem  gewöhnlichen  Einerseits-Andererseits  sich  durchzuwinden
trachtete  und  Tirpitz  mit  un’eirrbarer  Zähigkeit  und  Geschicklichkeit  die
einmal  festgelegte  gerade  Linie  vertrat.  Nach  Bülows  Entlassung  zeigte  sich
bald  sein  Nachfolger  Bethmann-Hollweg  als  ein  Gegner  von  Grund  aus  gegen
die  planmäßige  Durchführung  des  Flottenbaues.  Ohne  außenpolitische
Kenntnis  und  Praxis  glaubte  dieser  Kanzler,  daß  das  wenig  gute  Verhältnis
zwischen  dem  Reich  und  England  durch  grundsätzliche  Nachgiebigkeit
gegen  England  in  eine  vertrauensvolle  feste  Freundschaft  verwandelt
werden  könne.  Dieser  völligen  Verkennung  der  traditionellen  Außenpolitik

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