Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Zweiter Teil. Bis zu den Karlsbader Beschlüssen. (25)

Der  König  und  die  Parteien.  183

für  Volksvertretung  und  Preßfreiheit  betrachtet  wurde,  und  nahmen  jetzt
den  alten  Parteistreit,  der  während  des  Krieges  nie  ganz  geruht  hatte,  eine
Masse  persönlichen  Hasses  und  sachlicher  Gegensätze  als  eine  böse  Erbschaft
in  die  Tage  des  Friedens  hinüber.  Aus  diesen  Kreisen  drang  Tadelsucht
und  Klatscherei  in  alle  Klassen  der  Gesellschaft;  der  Staat,  der  bei  allen
Gebrechen  seiner  Unfertigkeit  doch  die  beste  und  sparsamste  Verwaltung
Europas  besaß,  ward  in  den  Briefen  und  Gesprächen  seiner  eigenen  treuen
Diener  so  maßlos  gescholten,  als  eilte  er,  geleitet  durch  eine  Rotte  von
Betrügern  und  Toren,  rettungslos  dem  Verderben  entgegen.

Vier  keineswegs  klar  geschiedene  Parteien  bekämpften  einander  innerhalb
der  Regierung.  Die  alte  Schule  der  absolutistischen  Hofleute  und  Be—
amten  zählte  nur  noch  wenige  Anhänger,  doch  sie  gewann  jetzt  mächtige
Bundesgenossen  an  Hardenbergs  alten  Gegnern,  den  Feudalen,  die  in  dem
Adel  der  Kurmark  ihre  Stütze,  in  Marwitz  und  dem  vormaligen  Minister
Voß-Buch  ihre  Führer  fanden.  Die  jungen  Beamten  dagegen  und  fast
alle  geheimen  Räte  der  Ministerien  bekannten  sich  zu  dem  bureaukratischen
Liberalismus  Hardenbergs,  was  freilich  nicht  ausschloß,  daß  ihrer  viele  den
Staatskanzler  persönlich  heftig  bekämpften.  Wieder  eines  anderen  Wegs
ging  die  kleine  Schar  der  aristokratischen  Reformer,  die  noch  an  Steins
Gedanken  festhielten.  Die  Schwarmgeisterei  der  teutonischen  Jugend  fand
unter  den  gewiegten  Geschäftsmännern  des  hohen  Beamtentums  zwar
manchen  nachsichtigen  Richter,  doch  keinen  einzigen  Anhänger.  Gleichwohl
wirkte  jener  finstere  Argwohn,  welchen  alle  Höfe  des  In=  und  Auslandes
gegen  Preußens  Volk  und  Heer  hegten,  unausbleiblich  auf  Preußen  selbst
zurück.  Seit  Schmalz  seinen  Unheilsruf  erhoben  hatte,  nahmen  die  Verleumdungen
  und  giftigen  Flüsterreden  kein  Ende.  Nicht  bloß  Stein,  der
erklärte  Gönner  Arndts,  sondern  auch  der  Staatskanzler  selbst  ward  des
geheimen  Einverständnisses  mit  den  Deutschtümlern  beschuldigt,  obgleich
Hardenberg  die  jugendlichen  Einheitsschwärmer  als  unbequeme  Störer
seiner  dualistischen  Politik  ansah  und  sie  selbst  in  seinem  verschwiegenen
Tagebuche  immer  nur  mit  ärgerlichem  Tadel  behandelte.

So  scharfe  Gegensätze  in  fester  Zucht  zu  halten,  war  der  schonenden
Gutherzigkeit  König  Friedrich  Wilhelms  nicht  gegeben.  Allzu  rücksichtsvoll
gegen  seine  Räte  ließ  er  den  Parteikampf  am  Hofe  lange  gewähren  und
fuhr  nur  zuweilen  mit  einer  Mahnung  dazwischen.  Wurde  eine  neue  Kraft
in  die  Regierung  berufen,  so  pflegte  man  ein  Ministerialdepartement  in
zwei  Teile  zu  zerlegen,  nur  um  den  alten  Minister  nicht  zu  kränken,  der
oft  ein  Gegner  des  neuen  war.  Vollständige  Ubereinstimmung  unter  den
Ministern  galt  noch  für  entbehrlich,  da  der  Monarch  am  letzten  Ende  stets
nach  seinem  freien  Ermessen  entschied.  Wie  viele  Stürme  waren  über
das  Land  dahingebraust  in  den  kurzen  zwei  Jahrzehnten  seit  Friedrich
Wilhelm  die  Krone  trug;  den  Rückschauenden  war,  als  ob  die  Anfänge
seiner  Regierung  um  mehrere  Menschenalter  zurücklägen.  Das  treue  Volk