Full text : Medizinal-Statistische Mittheilungen aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte. Erster Band. (1)

—  266  —

Reg.-Bezirken  Erfurt  und  Münster  —  eines  Schnäppers  Erwähmng.  Einige  Impfärzte
bedienten  sich  besonderer  Stäbchen  von  Knochen,  Elfenbein,  Horn  oder  Fischbein  zum
Einreiben  der  Lymphe  in  die  seichten  Impfschnitte.

Auf  die  erforderliche  Reinlichkeit  der  Impflinge  wie  der  Instrumente  scheint,
soweit  hierlüber  Angaben  gemacht  sind,  gebührend  Aufmerksamkeit  verwendet  worden  zu
sein.  Es  wird  mehrfach  erwähnt,  daß  die  Mütter  der  Impflinge  aufgefordert  worden
sind,  die  Kinder  vor  der  Impfung  sorgfältig,  insbesondere  an  den  Armen  zu  waschen
und  mit  frischer  Wäsche  zu  bekleiden,  daß  unsaubere  Impflinge  zurückgewiesen  worden
sind,  ferner  daß  die  Impfstelle  unmittelbar  vor  der  Impfung  nochmals  —  auch  unter
Anwendung  desinfizirender  Lösungen  (Karbolwasser,  Borsäurelösung)  —  abgewaschen
und  mit  Salicylwatte  abgetrocknet  wurde,  auch  daß  der  Impfarzt  sich  selbst  vor  der
Impfung  desinfizirte.

Die  Reinigung  der  Impfinstrumente  geschah  in  derselben  Weise,  wie  im  vorjährigen
  Bericht  hervorgehoben  worden  ist.  In  Hessen  hatten  sich  einzelne  Impfärzte
mit  Vorrichtungen  versehen,  um  sich  beim  Impfen  abgekochtes  Wasser  zu  diesem  Zweck
herzustellen.  Ein  Impfarzt  in  Bayern  suchte  der  Verunreinigung  der  Impfstellen  nach
der  Pustelentwicklung  durch  einen  verschließenden  Verband  vorzubeugen.  Er  weickelte
den  Oberarm  wiederholt  in  Mullbinden,  welche  dann  unter  sich  und  an  die  Haut  des
Oberarmes  durch  eine  gesättigte  Dextrinlösung  festgeklebt  wurden.  Die  Entwicklung
der  Impfblattern  wurde  durch  den  Verband  in  keiner  Weise  gehemmt.

Der  benutzte  Impfstoff.  Unter  „A  Allgemeines“  ist  bereits  der  zahlenmäßige
Nachweis  für  die  auch  im  Berichtsjahr  wieder  vermehrte  Anwendung  der  thierischen
Lymphe,  bezw.  über  die  verminderte  Verimpfung  von  Menschenlymphe  erbracht  worden.
Die  Abstammung  des  verbrauchten  Impfstoffes  ist  im  Ganzen  die  nämliche  wie  im
Vorjahre  gewesen.

Die  Menschenlymphe  wurde  zur  Einleitung  des  Impfgeschäfts  hauptsächlich
aus  den  staatlichen  Impfanstalten  zu  Stettin,  Posen,  Breslau,  Kiel,  Hannover  und
Münster  bezogen;  die  Weiterimpfung  erfolgte  dann  meistens  von  Arm  zu  Arm  oder
mittelst  Glycerinlymphe,  welche  im  Reg.-Bez.  Stettin  zum  Theil  einen  Zusatz  von  Borsäure
erhalten  hat.  Als  Lieferant  größerer  Mengen  humanisirten  Impfstoffs  zu  Massenimpfungen
  ist  nur  noch  Dr.  Meinhof-Pleschen  erwähnt  und  zwar  in  den  Berichten
aus  den  Reg.-Bezirken  Oppeln,  Lüneburg,  Köln,  Düsseldorf,  Koblenz  und  Trier.

Der  thierische  Impfstoff  wurde  in  Preußen  in  denjenigen  Provinzen,  für
welche  staatliche  Anstalten  zu  seiner  Erzeugung  bestanden,  hauptsächlich  aus  den  letzteren
bezogen;  es  waren  dies  die  Anstalten  in  Berlin,  Kassel,  Köln,  Halle  a.  S.  und  Königsberg
  i.  Pr.,  zu  denen  im  September  noch  diejenige  in  Stettin  hinzukam.  Einige  derselben
  haben  ihr  Erzeugniß,  zum  Theil  in  bedeutender  Menge,  auch  nach  anderen
Provinzen  abgegeben.  Die  frühere,  zur  Versorgung  der  Provinz  Schleswig-Holstein
mit  Menschenlymphe  bestimmte  Anstalt  zu  Kiel  züchtete  auch  thierischen  Impsstoff.  Von
außerpreußischen  staatlichen  Anstalten  sind  als  Bezugsquellen  für  Impfungen  in  Preußen
diejenigen  zu  Bernburg,  Cannstatt,  Darmstadt,  Dresden,  Schwerin,  Stuttgart  und
Weimar  angeführt,  doch  scheinen  dieselben  erheblich  weniger  als  früher  in  Anspruch  genommen
  worden  zu  sein.  Außerdem  findet  sich  vereinzelt  noch  die  städtische  Anstalt
zu  Krefeld  erwähnt.  Als  Aerzte,  welche  die  Bereitung  und  Lieferung  thierischen  Impfstoffs
  betrieben,  werden  Fürst-Leipzig,  Grober-B  ,  Krück  Neukloster  i.  Meckl.,
Oestreich-Düren,  Pissin-Berlin,  Pitschke-Gerbstädt  und  Protze-Elberfeld  genannt.  Die
Aerzte  Albers-Essen,  Brandt-Geldern,  Uhlenbreck-Oberhausen  und  ein  Impfarzt  im
Mansfelder  Seekreise  züchteten  selbst  den  für  ihre  Impfpraxis  erforderlichen  Impfstoff.
Endlich  werden  als  Verkaufsstellen  für  thierischen  Impfstoff  diejenigen  der  Apotheker