Full text : Unser Pommernland. 3. Jahrgang 1915/16. (3)

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über,  und  Furcht  und  Zittern  hießen  den  Gottesdienst
  einstellen.

Endlich  am  Montage  nach  Judika,  das  war  der
dritte  April,  früh  morgens,  da  die  Not  und  die
Gefahr  am  größten,  war  Gott  mit  seiner  Hilfe  am
nächsten.  Es  kam  nämlich  von  dem  Generalmajor
Buck  aus  Greifswald  ein  Schreiben  an  seinen  hiesigen
  Adjutanten,  worin  er  meldete,  daß  in  der
Nacht  des  verwichenen  Sonntags  ein  Kurier  aus
Holstein  vom  Fürsten  Menzikoff  in  Greifswald  angekommen
  wäre,  welcher  den  Gegenbefehl  überbracht
habe,  daß  die  Plünderung  aufgehoben,  den  Einwohnern
  die  weggenommenen  Güter  wieder  erstattet
  und  die  Einäscherung  der  Städte  und  des  platten
  Landes  aufhören  sollte.  Diese  unbeschreiblich
freudige  Botschaft  wurde  den  betrübten  Einwohnern
sogleich  bekannt  gemacht,  und  der  General  Buck
langte  des  Nachmittags  in  Person  an.

Die  Ursachen  dieses  sehr  erfreulichen  Vorfalles
sind  gar  denkwürdig,  und  der  ehemalige  Schul-Rektor
  Sprengel  erzählt  sie  in  seiner  Einladungsschrift
  vom  26.  März  1754  folgendermaßen:

Der  sächstsche  Befehlshaber  zu  Greifswald,  Generalmajor
  von  Saisan,  meldete  dem  Feldmarschall
Grafen  von  Flemming  nach  Schleswig,  daß  der
Zar  zwei  Offiziere  nach  Anklam  mit  der  Verordmung
  gesandt  hätte,  daß  diese  Stadt,  wie  Gartz  und
Wolgast,  geplündert  und  verbrannt  werden  sollte.

Flemming  führte  damals  die  Sachsen  an,  welche
nebst  den  Russen  und  Dänen,  die  Festung  Tönningen
vom  14.  des  Hornung  bis  zum  16.  des  Maimonats
  belagerten.  Der  König  von  Dänemark,
Friedrich  IV.,  war  selbst  in  diesem  Lager  gegenwärtig.
  Zu  diesem  begab  sich  sogleich  der  Feldmarschall
  und  stattete  von  dem  Inhalt  des  gedachten
Schreibens  Nachricht  ab.  Der  König  sprach  gleichdarauf
  mit  dem  Fürsten  Menzikoff,  der  damals  in
Abwesenheit  des  Zaren  das  russische  Kriegsheer  anführete.
  Er  fragte  ihn,  warum  der  Zar  befohlen
hätte,  daß  die  Städte  in  dem  schwedischen  Pommern
geplindert  und  verbrannt  werden  sollten?  Der
Fürst  antwortete:  daß  es  desfalls  geschehen  sollte,
weil  Altona  in  die  Asche  gelegt  worden  wäre.
Hierauf  versetzte  der  König:  Altona  gehört  mir  zu.
Jch  will  deshalb  meine  Genugtuung  schon  zu
suchen  wissen.  Der  Zar  darf  sich  darum  nicht  bekümmern.
  Er  verlangte  zugleich,  daß  der  Fürst  den
gemessenen  Befehl  stellen  möchte,  daß  solches  unsehlbar
  nachbliebe.  Der  Fürst  entschuldigte  sich  und
schützte  vor,  daß  er  das  Gebot  des  Zaren  bei  Verlust
  des  Kopfes  nicht  umstoßen  könnte.  Hierauf
wupnde  der  König  zornig,  schlug  voller  Eifer  hart
auf  den  Tisch  und  sagte:  So  will  ich  es  nun  nicht
haben.  Allein  dieses  half  nichts.  Menzikoff  blieb
unbeweglich,  und  der  König  begab  sich  von  demselben
  zornig  weg.  Gleich  nachher
die  söächsischen  Generale  von  Flemming  und  die
Herreir  von  Hallard  und  von  Klesewetter  zu  dem
russischen  Fürsten  von  Dolgoruckt  und  stelleten  ihm
eben  dergleichen  im  Namen  ihres  Königs  vor.

Unser  Dommerland.

verfügten  sich

Sie  versicherten  zugleich,  daß  der  Römische  Kaiser
und  die  Reichsstände  es  sehr  übel  empfinden  würden,
  wenn  man  ein  so  verderbliches  Vorhaben  an
dem  schwedischen  Pommern,  als  einem  Teile  des
römischen  Reiches,  ausführen  wollte.

Da  nun  der  Fürst  Menzikoff  auch  ein  Reichsstand
  sei,  so  hätten  die  andern  Generale  die  größte
Verbindlichkeit,  denselben  zu  überreden,  daß  er
einen  Gegenbefehl  stellen  möchte.  Kaum  hatten  diese
selbigen  Vortrag  dem  Fürsten  getan,  so  wurde  er
bestürzt  und  sagte:  Er  wolle  sich  darüber  bedenken.

Des  andern  Tages  frühe  machte  der  Fürst  dem
Könige  seine  gewöhnliche  Aufwartung.  Hier  erging
  an  ihn  sogleich  die  Frage:  Ob  er  sich  noch
nicht  entschließen  wolle,  anderweitige  Veranstaltungen
  zu  machen.  Der  Fürst  gab  zur  Antwort:  Er
wolle  es  endlich  tun,  wenn  der  König  und  der
Feldmarschall  Graf  von  Flemming  im  Namen  des
Königs  von  Polen  ihm  eine  Schadloshaltung  bei
dem  Zaren,  der  sich  zu  derselbigen  Zeit  im  Liefland
  aufhielt,  schriftlich  geben,  unterschveiben  und
bestegeln  wollten.  Dies  wurde  sogleich  in  Erfüllung
gebracht,  und  darauf  ging  der  Leutnant  von  der
Leibgarde  von  Werner,  genannt  Lamstorf,  als
Kurier  mit  dem  obengedachten  Gegenbefehl  an  den
General  von  Buck  nach  Greifswald  ab.  Diese  Nachricht
  ist  aus  der  Erzählung  genommen,  welche  der
sächsische  Generalmajor  von  Hallard  dem  Rate  unserer
  Stadt  tat,  da  dieser  jenen  für  geleistete  gnädige
  Fürsprache  bei  seiner  Ankunft  am  14.  des
Wintermonats  in  selbigem  Jahre  öffentlichen  Dank
abstattete.

Indessen,  ehe  der  bemerkte  Kurier  ankam,  wäre
die  arme  Stadt  Anklam  schon  vor  einigen  Tagen  in
die  Asche  gelegt  worden,  wenn  nicht  die  göttliche
Vorsehung  eine  andere  erhebliche  Begebenheit  zugelassen,
  und  dieselbe  zu  einem  heilsamen  Endzweck
geleitet.

Der  russische  Generalmajor  Baron  von  Staff
hatte  am  Sonntag  Lätare  Wolgast  eingeäschert.  Am
30.  April,  als  am  folgenden  Donnerstage  vor  Judika,
  war  er  im  Begriff,  von  Greifswald,  wohin
er  sich  nach  dieser  unmenschlichen  Handlung  begeben
hatte,  nach  Anklam  abzureisen,  um  den  Tag  darauf,
dem  erhaltenen  Befehle  gemäß,  die  Anzündung  dieser
  letzteren  Stadt  vorzunehmen.  Sein  Reisegeräte
war  schon  eingepackt,  als  er  mit  Carlson,  dem  Befehlshaber
  der  dänischen  Kriegsschiffe,  welche  auf
der  Greifswaldischen  Reede  vor  Anker  lagen,  in
ein  Gespräch  geriet.  Dieser  bat  jenen,  daß  er  mit
der  Vollziehung  der  gedachten  Verordnung  nicht  so
schleunig  fortfahren  mechte,  weil  man  noch  andere
Umstände  vermutete.  Staff  wollte  in  dieses  Begehren
  nicht  willigen.  Sie  kamen  daher  beide  mit  harten
  Worten  zusammen.  Carlson  nannte  das  vorhabende
  Verhalten  des  Generals  eine  Mordbrennerei,
  und  dieses  gab  Gelegenheit  zu  einem  blutigen
Zweikampfe,  worin  der  dänische  Befehlshaber  auf
der  Stelle  erstochen  wurde.  Der  dortige  Anführer