Die Jugendbewegung. 183
aus negativen Gesichtspunkten heraus entstehen und sich erhalten,
es muß auch etwas Positives dabei sein, und demjenigen, den wir
als Gründer des Wandervogels betrachten, Karl Fischer, hat
auch manches Positive vorgeschwebt. Außerdem darf nicht vergessen
werden, daß dieser auf der Schule zum Wandern durch einen
Studenten angeregt worden ist, der in seiner Weise mit den Jungen
wanderte und ihnen etwas bot, was die Schule damals nicht zu
bieten vermochte und auch jetzt meistens nicht zu bieten vermag. Ihm
schwebte positiv u. a. vor, durch das Wandern die Jungen heranzubilden
zu tüchrigen deutschen Männern, die abgehärtet wären. Hiermit
verband sich viel Romantik, Freude an der Natur, der Heimat,
dem deutschen Volkstum.
Damit komme ich zu dem Punkte, der besonders den E. V. betrifft.
Es wurde gesagt, daß der Wandervogel E. V. nicht nach dem Hohen
Meißner gegangen sei, weil die Männer, die die Verantwortung für
ihn zu tragen hatten, der Meinung gewesen wären, es würde zu
einer politischen Kundgebung kommen. Das mag man auch befürchtet
haben. Aber diese Männer und auch sehr viele Wandervögel, die
der Überzeugung waren, daß der Bund dort nicht hingehen sollte,
hatten vor allem einen ganz anderen Grund. Sie sahen weiter u
haben das kommen sehen, was jetzt eingetreten ist, daß nämlich
in der Jugendbewegung zwischen den verschiedenen Generationen,
den verschiedenen Jahrgängen ein Unterschied gemacht werden muß.
Die alteren Wandervögel, die im Leben stehen, sind jetzt auch zu
dieser Üüberzeugung gekommen, und die Bewegung hat gezeigt, daß
es ein Schaden für alle Richtungen unserer Bewegung ist,
sowohl der freideutschen, der Landsgemeinde und wie sie alle heißen
mögen, wenn nicht der Begriff der Jugendlichen etwas abgegrenzt
wird. Ohne das mißversteht man sich ja immerfort. Es ist doch ein
Unterschied, ob man es mit 13., 14-Jährigen zu tun hat oder mit
einem Erwachsenen, mit einem Schüler oder einem Studenten. Der
Wandervogel ist gezwungen worden, sich mehr auf seinen Ursprung
zu besinnen, und deshalb habe ich auch vom Ursprunge gesprochen,
weil der Wandervogel als eine der stärksten Bewegungen
immer in der Gefahr ist, benutzt zu werden, bewußt oder unbewußt,
als ein großes Schöpfreservoir, an das man unbehindert herantreten
kann. Jede Bewegung ist in Gefahr, sich zu verlieren,
wenn sie von ihrem Ursprunge zu weit abgeht. Die Entvicklung
unserer Bewegung hat gezeigt, daß sich der Wandervogel wieder aufseine
ursprüngliche Aufgabe besonnen hat und immer wieder besinnt, daß
er tatsächlich in erster Linie das Jugendwandern auszubauen und
die kulturellen Fragen als Nebenprodukte zu betrachten hat. Das ist
eingeleitet worden durch die Beschlüsse des Wandervogels E. V., —
des Bundes, den ich vertrete —, die auf dem Bundestag in
Frankfurt Ostern 1914 gefaßt wurden. Wir freuen uns darüber,
daß unsere älteren Wandervögel, die im Leben stehen, sich mit viel
weiteren Aufgaben abgeben, als sie das Wandern zumeist bietet, und
haben gesagt: geht hin zu den Freideutschen oder zu den anderen
Bewegungen, wie sie heißen mögen, denn ihr müßt euch als Führer