Mit Recht auch! Denken wir an das erste Blut, das der Thronfolger und seine hohe Gemahlin mit Einbuße
ihres Lebens vergießen mußten und wie viele Tausende der Verbündeten Deutschland-Österreich-Ungarn und
Italien werden die Schlachtfelder mit ihren Körpern decken müssen und ihr Blut wird die Erde und die Flüsse
färben, aber auch der Feind wird viel Blutes lassen müssen. — Welche Umstürze und Umwälzungen! Alle
Geschäfte stehen stille. — Chef und Sohn und Gehilfen haben die Feder, die Schreibmaschine, die Rechenbücher
nun vertauscht mit dem eisernen Schwert und dem Gewehr auf der Schulter. Die Schiffahrt steht stille. —
Die Eisenbahnen stehen nur noch im Dienste des Krieges. Wieviele Geschäfte mußten ganz geschlossen werden.
Keine Einnahmen mehr! Und kein Schuldner kann mehr bezahlen, denn auch er muß hinaus und Frau und
Kind verlassen, der Ungewißheit und dem Zufalle überlassend. — Wieviele Kriegsnottrauungen werden noch
schnell vorgenommen. — Der hinausziehende Krieger möchte sich sein Liebchen über den Tod hinaus — das
heißt nur über den Krieg hinaus erhalten, er hofft ja wiederzukommen. — Wir wünschen es ihm und ihr gewiß
von ganzem Herzen, aber die Härte des Krieges kennt kein blutendes Herz, sie verlangt harte unerschürterte
und unerschrockene Männer. —
Aus wie vielen kleinen Kinderherzchen steigt der fromme Wunsch zum Himmel empor, daß Vater wiederkomme.
— Welch ungezählte Gebete und Stoßseufzer dringen durch die Wolken zum Lenker aller Schicksale
von Frauen, Müttern und Bräuten, Brüdern und Schwestern und Vätern. — Wie mancher alte Herr seufzt,
ach, daß meine Gebeine sich nicht mehr so bewegen können, wie gerne möchte auch ich meine Dienste dem Vaterlande
anbieten. — Und wenn ich zum Bahnhof sehe und die hunderte von Militärzügen hinausfahren in die Garnisonen
und von dort dem Feinde entgegen, ja, da möchte mir mein Herz bluten. — Da kommt ein grauer hochgewachsener
Herr an der Seite seines 25 jährigen Sohnes, dieser trägt noch eine alte Uniform, aber der alte
Säbel ist neu geschliffen, der Sohn trägt graue Uniform, auch sein Schwert ist frisch geschliffen, fest haben sie
die knochigen Hände am Schwertesknauf — es ist ihnen heiliger Ernst und kaum können sie es erwarten, bis der
Degen seine Dienste tut, bestimmt in des Feindes Brust. — Doch auch der Feind hat seine Waffen — und wir
wissen nicht, ob der alte Herr mit seinem Sohne sein Leben auf dem Felde der Ehre, auf dem Schlachtfelde
zurücklassen muß. — Nahe Zurückbleibende scheinen sie nicht zu haben, oder sie haben, um den Trennungsschmerz
zu kürzen, diese zurückgelassen, damit ihnen nicht das Herz breche vor Abschieds- und Trennungsschmerz.
— So ziehen diese Tage tausende von Bildern an uns vorüber. — In den Kaffees hört man Vaterlandslieder
Ich bin ein Preuße ... — Schleswig-Holstein meerumschlungen...Deutschland, Deutschland über Alles ...
Heil Dir im Siegerkranz! ... Schon lange hat man sie nicht mehr gehört, diese unsere alten schönen Lieder
des Volkes. Nun, da der Krieg an drei Enden unser einiges geliebtes Vaterland bedroht, nun erinnert man
sich auch wieder dieser unserer Lieblinge aus alter Zeit.
Ist es nicht ein Hohn des Weltenlaufes?! — Anläßlich der Wiederkehr des Krieges von 1813 — der Erbauung
des Völkerschlachtdenkmales in Leipzig — des Regierungsjubiläums unsers Kaisers — der Verheiratung der
einzigen geliebten Tochter unseres Kaiserpaares mit dem jetzigen Herzog von Braunschweig — — — da war
der englische Vetter König Georg und der russische Vetter Zar Nikolaus in Berlin als hohe Gäste unseres Kaiserhauses.
— Wie schnell zerfällt Fürstenfreundschaft und Verwandtschaft?!?!
Wer die Rede unseres Kaisers am Hochzeitstage der Kaisertochter genau gelesen hat, als er seiner Tochter
von den kommenden ernsten Zeiten, die an sie berantreten werden, redete, war es da nicht, als läge in den Worten
eine prophetische Bedeutung. — Und die damals in Berlin als Gäste waren, werden sie als Sieger und Unterjocher
Deutschlands und ihres Vetters, unseres geliebten Kaisers einziehen, oder werden wir sie als unsere Gefangenen
bringen. — Dann aber o Deutschland! forder den Lohn für unsere Heldentaten — aber nicht zu billig. —
Achte nicht auf Erhaltung dieses oder jenes Staates, sondern gedenke des Welteroberers Napoleon! Wenn
er es Hätte fertig gebracht, so wäre unser geliebtes Deutsches Vaterland längst eine französische Provinz. —
Was werden unsere Gegner tun, wenn wir unterliegen? sie werden nichts verschonen, was uns heilig war.
Und sie werden den Raub dann unter sich teilen und wo möglich wieder sich bekriegen wegen Abbekommens
des größeren Teiles. — Darum, Deutschland, sei gedenk des vielen Blutes, das unsere Feinde — die Friedensfürsten
und Völker von uns verlangen. — Rechne nicht zu billig ab mit ihnen.