50 Il. DER NEUE KURS.
Juli 1895 verfaßte der italienische Minister des Auswärtigen,
Baron Blanc, eine Denkschrift, die bittre Klagen über die getingen
Vorteile des Dreibunds für Italien enthielt und verlangte,
daß das Bündnis lebendig und aktiv gemacht werden sollte.
Baron Blanc konnte sich weiter darauf berufen, daß Italien bei
der Behauptung seines Protektorats über Abessinien von seinen
Bundesgenossen keine Unterstützung zu erwarten hatte, daß
ferner England den italienischen Wunsch, in dem Kriege gegen
Menelik den Weg durch Britisch-Somaliland, die Verbindung
Zeila-Harrar, freizugeben, nicht erfüllte, und daß der Zweibund
die Abessinier als kriegführende Partei, nicht als Rebellen
ansehe (Bd. X S. 3fl.). Im Februar 1896 erklärte der
französische Ministerpräsident Bourgeois einem Abgesandten
des italienischen Ministerpräsidenten Crispi, keine französische
Regierung könne Italien Gefälligkeiten erweisen, müsse vielmehr
danach trachten, ihm das Leben so schwer als möglich
zu machen, solange Italien im Dreibund bleibe. (Bd. XI
3. 288).
Aber auch der andre Bundesgenosse, Österreich-Ungarn,
war in der Zeit des dritten deutschen Kanzlers mit dem Dreibund,
der nur Schutz gegen einen feindlichen Angriff bot, nicht
zufrieden, er verlangte positive Ziele, d. h. Unterstützung zur
Erweiterung seiner Machtsphäre im Nahen Orient. Wie sich
Fürst Hohenlohe zu den Ansprüchen des österreichisch-ungarischen
Ministers Grafen Goluchowski stellte, geht am deutlichsten
aus einer eigenhändigen Aufzeichnung vom 2. März 1896
hervor, deren Schluß lautete: „Wir halten am Dreibund fest,
wollen ihn aber nicht zum Mittel für unbestimmte Pläne Österreichs
im Orient verwenden lassen. Österreich muß mit dem
defensiven Charakter des Dreibundes zufrieden sein, wenn
es nicht zugrunde gehen will.“
Alle diese Schwierigkeiten innerhalb des Dreibunds wären
zu ertragen und zu überwinden gewesen, wenn es der deutschen
Politik gelungen wäre, die alte Freundschaft Großbritanniens
für das Deutsche Reich und den Dreibund zu bewahren. Das
Gegenteil trat ein. Es fehlte nicht viel bis zu einem völligen