Full text : Auswahl für das Feld.

liegt  das  Heilmittel  dagegen,  wie  bei  allen  sozialen  Fragen,  in  der
reiferen  Gesittung  der  einzelnen.  Lernen  wir  wieder  in  allen
Dingen,  die  nur  uns  selbst  angehen,  recht  trotzig  uns  selbst  zu  behaupten.
  Will  ein  Mensch  einmal  gedankenlos  handeln,  so  ist
ihm  besser,  er  läßt  sich  leiten  von  einem  unklaren  Einfalle  seines
eigenen  Kopfes,  als  daß  er  sich,  nach  der  heutigen  unfreien  Weise,
die  jämmerliche  Frage  vorlege:  was  tut  man,  was  tuen  die  an—
deren  in  solchem  Falle?  Eine  Gesellschaft  aber,  deren  Beste  in
selbständigem  Geiste  handeln,  wird  notwendig  duldsam  gegen  das
Salz  der  Erde,  die  starken,  eigentümlichen,  ganz  auf  sich  selbst
stehenden  Menschen,  gewährt  die  Freiheit  der  persönlichen  Selbstbehauptung.
  —

UÜberall  erwächst  der  Mensch  in  einer  natürlichen  Gebundenheit,
befangen  in  fertigen  Begriffen,  welche  ihm  das  Haus,  die  Landschaft,
  der  Stand,  worin  er  geboren  ward,  in  die  Wiege  legten;
und  überall  beginnt  die  Arbeit  der  persönlichen  Freiheit  damit,
daß  er  solche  Vorurteile  nicht  geradezu  abschüttelt,  aber  vergeistigt
und  in  Einklang  bringt  mit  der  humanen  Duldung  gegen  alles
Menschliche.  Denn  ein  freier  Geist  erträgt  nichts  in  sich,  was
ihm  bloß  von  außen  zugeflogen,  was  nicht  durch  seine  eigene
Arbeit  zu  seinem  Eigentume  geworden  ist.  Gleichwie  die  Bildung
von  uns  verlangt,  daß  wir  die  Eigenheiten  des  Dialektes  ablegen,
soweit  er  nur  eine  verderbte  Schriftsprache  ist,  aber  nicht,  daß  wir
unsere  Worte  setzen  wie  der  Bettelmann  die  Krücken,  sondern  vielmehr,
  daß  wir  auch  unserer  gebildeten  Sprache  die  Naturkraft
des  Dialekts  und  seiner  anschaulichen  Redeweise  erhalten:  —  ebenso
fordern  wir  nicht  mit  den  Radikalen  des  letzten  Jahrhunderts,
daß  ein  freier  Mann  seine  ständischen  und  landschaftlichen  Neigungen
  gänzlich  aufgebe,  sondern  nur,  daß  er  sie  zu  läutern  wisse
durch  die  Ideen  der  Freiheit  und  Duldung.

Insbesondere  von  Standesvorurteilen  zu  reden  ist  noch  immer
sehr  wohl  an  der  Zeit.  Ein  niederschlagender  Gedanke,  fürwahr,
daß  dieses  große  Kulturvolk  noch  den  barbarischen  Rechtsbegriff
der  Mißheirat  kennt,  welchen  die  Alten  schon  zu  Anfang  ihres

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