Volltext : Die Ernährungsverhältnisse der Volksschulkinder.

104  II.  Ernährungsverhältnisse  der  Volksschuljugend  im  allgemeinen.

Kind  oder,  wenn  bei  einer  größeren  Schülergruppe  vorhanden,  für  die
Gesamtheit  der  Schüler  einer  Klasse  eine  Beeinträchtigung  des  Unterrichts
  erfolges  verursache,  wird  zumeist  (6696)  bejaht,  von  den  übrigen
Städten  jedoch  offenbar  im  Zusammenhange  mit  dem  Vorfinden  einer
for  geringen  Zahl  unterernährter  Kinder  verneint.  Die  bejahende

ntwort  ist  vielfach  begründet  mit  Angaben  wie:  „schlechtgenährte  Kinder
sind  häufig  matt,  bleiben  im  Unterrichte  zurück“.  Die  nächste  Frage,  ob
unterernährte  Kinder  in  Körperlänge  und  Gewicht  von  den  normal
ernährten  und  entwickelten  Schulkindern  sich  unterscheiden,  wird  durchweg
bejaht  und  au  das  geringere  Körpergewicht  und  die  geringere  Körperlänge
wie  auch  auf  das  schlechtere  Aussehen  dieser  Kinder  hingewiesen.  Einzelne
Städte  belegen  diese  Angaben  mit  Zahlen.  So  gibt  Peine  an,  daß  im
Durchschnitte  normal  ernährte  Schulkinder  eine  Körperlänge  von  113  cm
und  ein  Körpergewicht  von  20  Kilogramm  aufweisen,  unterernährte
Kinder  jedoch  um  5  cm  kleiner  und  um  etwa  2½  kg  leichter  seien.
Sehr  eingehende  Untersuchungen  zur  Beantwortung  dieser  Frage  hat
die  Stadt  Hildesheim  für  eine  Schule  angestellt.  Es  wurde  dabei  ermittelt,
  daß  in  den  sieben  Klassen  der  Schule  zwischen  den  normalen
und  den  unterernährten  Kindern  der  Unterschied  in  Körpergewicht  und
-Länge  von  der  siebenten  bis  zur  ersten  Klasse  allmählich  zunimmt,  und
war  von  2,4  kg,  bezw.  3,1  cm  bis  zu  8,5  kg,  bezw.  10,3  cm.  Diese

ststellung  ist  überaus  wichtig  und  der  deutlichste  Beweis  dafür,  daß  unzureichende
  Nahrungszufuhr  die  physische  und  damit  auch  die  geistige  Entwickelung
  des  Kindes  verhindert  und  das  Kind  allmählich  immer  minderwertiger
  macht.  Für  Posen  wurde  der  Unterschied  als  nicht  so  bedeutend
eruiert,  es  wurden  aber  immerhin  doch  für  die  Durchschnittszahlen  noch
Unterschiede  von  4  bis  8  em  und  3½⅛  bis  5  kg  in  den  einzelnen  Klassen
gelunden.  Für  deutsche  Städte  sind  gerade  für  diese  wichtige  Frage
isher  nur  sehr  wenige  Angaben  gemacht.  Für  die  Leipziger  Volksschulen
  hat  Hasse  Unterschiede  zwischen  den  Kindern  wohlhabender  und
armer  Eltern  von  etwa  2  cm,  bezw.  4,1  cm  im  Alter  von  8—9  Jahren,
für  Knaben  und  Mädchen  und  von  4,5,  bezw.  3  cm  im  Alter  von  14
is  15  Jahren  ermittelt.

Die  beiden  letzten  Fragen  über  die  Organisation  des  schulärztlichen
Dienstes  hauptsächlich  nach  der  Richtung,  ob  regelmäßig  die  körperliche
Entwickelung  und  der  Ernährungszustand  der  Schulkinder  durch  Wägungen
und  Messungen  festgestellt  wird,  sind  sehr  mangelhaft  beantwortet.  Nach
dem  schulärztlichen  Taschenbuche  von  Fürst  und  Jaffe  sind  im  Jahre
1906  Schulärzte  in  178  Städten  mit  mehr  als  10000  Einwohnern
angestellt  gewesen.  Diese  Zahl  ist  nach  den  Erhebungen  der  Deutsschen
  Zentrale  für  Jugendfürsorge:i)  im  Sommer  1908  auf
266  gewachsen.  Über  Messungen  und  Wägungen  sind  in  dieser  Schrift
keine  Angaben  gemacht.  Die  Durchsicht  einer  großen  Zahl  von  schulärztlichen
  Berichten  ergab  jedoch,  daß  nur  in  wenigen  Städten,  wie
Berlin,  Hambur  ,  Breslau,  Stuttgart,  Wiesbaden,  Mannheim,  Braunschweig,
  Mainz,  Fanan,  Wilmersdorf  und  Cöpenick  wenigstens  Messungen

1)  Ausübung  und  Ergebnisse  der  Schulhygiene  in  den  Volksschulen  des
Deutschen  Reiches,  bearbeitet  vom  Schularzte  Dr.  A.  Lewandowsky.