250 Erstes Kapitel.
auf drei Monate, verlangten die Ärzte, hätte der König sich von allen
Regierungsgeschäften zurückzuziehen. So übertrug er denn am 25. Oktober
1857 dem Hrinzen von Hreußen auf drei Monate seine Stellvertretung
in der oberen Leitung der Staatsgeschäfte.
Dementsprechend richtete der Hrinz am folgenden Tage an das
Staatsministerium einen Erlaß, in dem er sagte:
„In Beziehung auf die von des Königs Majestät Mir aufgetragene
und von Mir übernommene Stellvertretung erkläre Ich hiermit, daß es
Mein fester Wille ist, unter gewissenhafter Beobachtung der Landesverfassung
und der Landesgesetze, nach den Mir bekannten Intentionen
Sr. Majestät, Meines Königlichen Bruders und Berrn, so lange die
Regierungsgeschäfte zu führen, als Seine Moajestät dies für erforderlich
erachten.“ Er schloß mit den Worten, die seine Stimmung bezeichnen:
„Ich bitte Gott, daß er Mir die Kraft und den Segen verleihen möge,
diese Stellvertretung zur Sufriedenheit Sr. Majestät des Königs und zum
Beile des Landes zu führen, und daß die iederherstellung der zu
Meinem und des TLandes tiefstem Schmerze erschütterten Gesundheit
Meines Königlichen Berrn Mich bald einer Aufgabe überheben möge,
welche Ich in Gemäßheit Königlichen Befehles und im Hinblick auf
Meine Pflichten gegen das Daterland übernebme."
Am Mittag nahm der Hrinz dann den Dortrag des Ministerpräsidenten
von Manteuffel entgegen und empfing nach demselben die
Minister. Mit tiefer Zewegung sprach er zu diesen es aus, wie schwer
er die Derantwortlichkeit der ihm gewordenen Aufgabe empfinde, und
wie lebhaft er wünsche, daß der König bald imstande sein möge, die
Sügel der Regierung wieder zu ergreifen.
Denn die Aufgabe, die Regierung nach den Intentionen des Königs
weiter zu führen, war für den Hrinzen weder leicht noch erfreulich:
hatten doch seine eigenen Intentionen eine wesentlich andere Richtung.
Welche Selbstverleugnung gehörte dazu, auf den eigenen Willen zu verzichten!
Aber rückhaltslos gab der Hrinz sich hin. Ruhig ließ er die
Minister, obgleich er ihre Richtung nicht billigte, weiter ihres Amtes
warten; aber selbst in kleinen Dingen stellte er sich selbstlos zurück.
Jenem Skribenten LCindenberg, der beleidigende Berichte über das Leben
des Drinzen in Koblenz geschrieben hatte, verliel er das Amt, das unlängst
der König diesem in Aussicht gestellt. Nicht einmal ein Sug von
Unmut war zu bemerken, als er die Ordre vollzog.
Die drei Monate der Stellvertretung vergingen; allein mit ihnen
war auch die Roffnung auf die Wiederherstellung des Königs bei allen