Königsberg und Memel. 55
der Dinge in Suropa wurde erwartet. Wie, wenn jetzt auch Hreußen
an der Seite Gsterreichs die Waffen ergriffe ?! So selbstverständlich schien
das zu sein, daß in der Uniform eines österreichischen Obersten der Freiherr
von Steigentesch in Königsberg erschien, um dem Könige Friedrich
Wilhelm ein eigenhändiges RKandschreiben des Kaisers Franz zu überbringen,
in dem dieser den König, die Waffen zu erheben, aufforderte.
Eine ungeheure Aufregung ergriff die Kreise der Datrioten in HKönigs-=berg.
Mit hoffnungsfreudigem Dertrauen erfaßte die Königin Cuise die
Sachlage; aber der König hielt unerschütterlich daran fest, daß er ohne
Rußland oder hinter dem Rücken Rußlands keinen. Schritt thun werde.
Denn in Rußland sah er mit Recht die Macht, mit der er am ersten
zu rechnen hatte. Dabei blieb er allem Drängen des österreichischen Abgesandten
gegenüber. Es war klar: er traute Osterreich nicht. In
Deutschland brach da und dort die Klamme der Empörung aus der Asche
der scheinbaren Ruhe hervor; aber Napoleons Sieg bei Wagram machte
allen patriotischen Erwartungen jäh ein Ende. Wir können uns denken,
wie diese bewegten Juni-Tage auch die jungen Gemüter der Prinzen in
Aufregung versetzt haben, als ein Blücher unmutig seinen Abschied forderte
und Gneisenau tief verstimmt nach England ging. Denn nur die starke
Autorität des Königs hielt damals in Preußen die Volkserhebung zurück.
Der Kronprinz war unterdessen so weit herangewachsen, daß es dem
Könige angemessen erschien, ihm eine eigene Hofhaltung einzurichten.
Zum militärischen Obergouverneur der Prinzen ernannte er daher den
Generalmajor von Diericke, der — von Stein dem Könige empfohlen —
ein ebenso tüchtiger Soldat wie ein Mann von reichem Wissen und un—
erschütterlicher Redlichkeit war. Unter ihm stand als militärischer Gouverneur
des Kronprinzen der Gberst von Gaud, als militärischer Gouverneur
der Drinzen Wilhelm und Friedrich der Major von Hirch. Den Unterricht
dieser beiden leitete wie bisher der Hrofessor Reimann. Eine Seitlang
unterrichtete sie daneben auch der geistvolle, patriotische Süvern,
Drofessor der Geschichte an der Königsberger Universität.
Süvern war zum Erzieher des Kronprinzen in Aussicht genommen.
Denn für den glänzend sich entfaltenden Geist des Hrinzen schien die
etwas einseitige Art Delbrücks nicht mehr recht zu genügen. Mit Wachkdruck
wies der alte Kriegsrat Scheffner in einem Gespräche mit der
Königin darauf hin, daß „ein Kronprinz mit dem echten Geiste der Vor—
zeit ganz bekannt gemacht werden müsse, um sich gegen den etwanig
frivolen Geist seiner eigenen Seit zu sichern und für das Glück seiner
Nachzeit desto unbefangener sorgen zu können.“ Allein Süvern hatte