Vom Jüngling zum Mann. 87
lassen. „Barmherziger Gott!“ sagte er zu seinem neben ihm sitzenden
Sohne: „Nun fängt der Spektakel doch wieder an!“ In einer Tour
fuhr er daher, um in Potsdam jedem Empfange vorzubeugen, von ittenberg
bis Potsdam, sodaß er dort schon am Spätabend des 5., nicht —
wie man ihn erwartete — am 4. August eintraf.
Die älteren königlichen Kinder befanden sich auf einem Ball, durch
den der Geburtstag des Königs gefeiert wurde. Als man ihnen die
unerwartete Ankunft des Königs meldete, eilten sie sofort alle herbei,
Vater und Bruder zu begrüßen. Die Freude aller war groß; in tiefer
Bewegung drückte der König die lange entbel#rten Kinder an sein Herz.
Aber vor dem Hrinzen Wilhelm wichen die beiden Kleinsten schen zurück:
sie erkannten den Bruder nicht; so sehr war der früher zarte Jüngling
in den neun Wonaten der Trennung gewachsen, männlich erstarkt und
von Cuft und Sonne gebräunt. Und was hatte er inzwischen alles
erlebt: dem Schlachtgetöse die Stirn geboten, im unruhig hastenden Getümmel
der ersten Städte der Welt sich bewegt, die feierliche Majestät,
des Hochgebirges empfunden! Und Shrenzeichen schmückten seine Brust
zu denen noch an demselben Abend des 5. August der König die Kriegsdenkmünze
für 1814 fügte.
Unterdessen hatte Berlin sich für den festlichen Siegeseinzug des
Königs und der Armee vorbereitet und geschmückt. Aber tags vorber
kam der König unvermutet von der OÖfaueninsel nach Berlin. Halb
Berlin sammelte sich vor dem königlichen Dalais und begrüßte den König
mit jubelnder Begeisterung nach der langen Trennung. Er hatte erreicht,
was er wollte: daß der festliche Empfang des folgenden Tages ausschließlich
seiner Armee galt. So zog er denn am 7. August mit seiner ruhmbekränzten
Armee in Berlin ein, an der Spitze die gefeierten Feldberren,
die den Sieg an die preußischen Fahnen geknüpft. Und mächtig ergreifend
klang das Tedeum vom Lustgarten her über die Stadt.
In Wien versammelten sich jetzt die Fürsten und Staatsmänner
Europas, um eine Neuordnung der politischen Derhältnisse des Erdteils
zu beraten. Dorthin begab sich auch König Friedrich Wilhelm, begleitet
von Kardenberg und Wilhhelm von Humboldt. Und Hrinz Wilhelm?
Ihm hatte der König vor der Abreise in dem Obersten von Brause
wieder einen Gouverneur gegeben und den Hofprediger Shrenberg beauftragt,
den Hrinzen zur Konfirmation vorzubereiten. Das war für diesen eine nicht
leichte Aufgabe, nach den großen Erlebnissen des vergangenen Jahres die
unscheinbaren Oflichten eines Schülers zu erfüllen; aber er unterzog sich
ihnen mit der Hünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit, die stets ihm eigen war.