Bweites Kapitel.
Auswärtige Angelegenheiten.
Eine drückende Schwüle erfüllte, als der Drinz Wilhelm die Regentschaft
übernahm, die politische Atmosphäre Europas. Die Großmächte
hatten sich in zwei Harteien gespaltet. Frankreich und Rußland hatten
sich in dem Gegensatze zu Esterreich gefunden, dem Frankreich in verdeckter
Feindseligkeit, Rußland in unverhehltem, bitterem Grolle gegenüber—
stand. England dagegen neigte sich Osterreich zu. Und Hreußen?
„Wer unnütz provoziert, wird so leicht keine Alliierte finden“, war die
Antwort, welche der Prinzregent den fremden Diplomaten zu geben
pflegte, wenn sie seine Gedanken zu ergründen suchten.
Die Überlieferung war, daß Preußen sich an sterreich anschließen
müsse. Zwar hatte Osterreich in der Neuenburger Frage, die Hreußen
schließlich zur Aufgabe des schweizerischen Fürstentums gebracht hatte, sich
sehr unfreundlich gestellt und fuhr unablässig am Bundestage fort,
Preußen zu hemmen und bei Seite zu schieben, aber dennoch suchte es
sich Preußens zu versichern, indem es ihm das Mitbesetzungsrecht in der
Bundesfestung Rastatt anbot, wenn Preußen ihm, wie es 1854 gethan,
seinen gesamten Besitzstand, die deutschen wie die außerdeutschen Provinzen,
garantiere. Mit aller Entschiedenheit indes wies der Prinzregent dies
Anerbieten zurück, aber Herr von Schleinitz, der Minister des Äußern,
blieb doch geneigt, einem Zusammengehen mit Osterreich das Wort zu
reden, während der Prinz Wert darauf legte, auch Esterreich gegenüber
sich freie Hand zu bewahren.
Mun aber hatte GEsterreich sich in fremde Angelegenheiten gemischt,
indem es, auf abgeschlossene Bündnisverträge sich stützend, über die
italienischen Kleinstaaten eine Gewaltherrschaft ausübte und die Bevölkerung
despotisch niederhielt. In Baden-Baden suchte daher der
leitende Minister Sardiniens, Graf Cavour, den Hrinzregenten auf und
trug ihm beweglich das Elend Jtaliens vor. Er hatte auch die Genug-